Mehr Duden

Redundanz ist eine Seuche. Sie schleicht sich überall ein und setzt sich fest, so auch in unsere Sprache. Ein mir heute untergekommenes Beispiel dafür ist die Vokabel ungespitzt. Ein Bleistift ist ungespitzt, wenn er keine Spitze hat, ein Bleistift ist angespitzt, wenn er eine hat. So einfach so klar. Aber was zur Hölle ist dann ein unangespitzter Bleistift? Verstehen Sie, was ich meine? Der Duden kennt das Problem, weshalb es den Artikel „ungespitzt“ gibt, den Artikel zu „unangespitzt“ aber nicht.

Unsere Sprache ist durch zwei sich gegenüberstehende Phänomene bedroht. Das eine kennen Sie ja nun. Das zweite stelle ich Ihnen hier kurz vor. Auf der anderen Seite nämlich ist das unser Hang zur Sprachökonomie (Faulheit), der sich in vielen Phänomenen zeigt wie zum Beispiel beim Wegfall der Präpositionen, Artikeln oder der Pronomen. Wo sich der Satz „Gehe heute Kino.“ noch seltsam anmutet, sind Sätze wie „Habe heute Zeit“ längst im Sprechalltag angekommen. Auch sind uns Ähnlichkeiten im alltäglichen Sprachgebrauch in ihrer Verwendung immer recht, um möglichst wenig mit bizarren Sonderformen konfrontiert zu werden. Dem Konjunktiv I geht es deshalb an den Kragen, deshalb verschwinden solch schöne Verbkonjugationen wie „bellen, boll, gebollen“ und wenn wir nicht genau aufpassen, dann „rufte mir der Nachbar“ schon mal von weitem zu. So etwas liest man zuzeiten in deutschen Aufsätzen.

Hier müssen wir hart durchgreifen. Wir müssen unseren grünen Daumen im Garten der deutschen Sprache allseits gegen das Unkraut verteidigen. Das klingt jetzt ungenehm, aber wir müssen alle mehr Duden sein.

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6 Gedanken zu “Mehr Duden

  1. Eingewandt sei hier aber, dass im Garten der deutschen Sprache auch allerlei garstiges Unkraut sprießt, welches sodann der Duden gar noch pfleglich hegt, noch garstigere Blüten ▶️ zu treiben.

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    1. Das Anlegen des Gartens obliegt dem Duden, pflegen tun wir Sprecher, so war meine Idee. Und ja, Unkraut gibt es auch im Garten. Aber wie sagte schon Brecht: auch Unkraut will gegossen werden;)

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  2. No Sir, das „müssen“ nur die armen Deutschlehrer. Eine lebendige Sprache muss Wildwuchs haben, sonst verändert sie sich nicht mehr. Ohne Veränderung bleibt nur Totholz. Alle Hobby-Sprachpfleger sind wie Kleingärtner im Regenwald. Dann lieber Modelleisenbahn.

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  3. „Aber was zur Hölle ist dann ein unangespitzter Bleistift?“ Anspitzen ist eine Tätigkeit wie trinken eine ist. Eine Maibowle ewendöll bleibt auch ungetrunken. Ungespitzt einen Pfahl in den Boden zu kloppen ist anstrengend, aber ein Anspitzer hilft da nicht weiter.

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