Vom Täter, der Ableitung und dem Nomen agentis

wort-für-wort-steffen03                                                                               Wussten Sie, dass laut Kluge – Etymologisches Wörterbuch die Täterbezeichnung zur Statistik Statistiker lautet? Nein? Ich auch nicht. Wieder was gelernt. Die Täterbezeichnung von Tat ist jetzt wohl kein Geheimnis mehr, denke ich. Und die von Start? Ha! Es gibt keine. Der Starter ist nur Nomen agentis. Und was sagt der Duden dazu? Der sagt nur Ableitung. Wie fade!

baufräumen

wort-für-wort-steffen03Die heutige Wortvorstellung in der Rubrik „Wort für Wort“ beschäftigt sich mit einem sogenannten Kofferwort, auch Port(e)manteauwort genannt. Ein Kofferwort besteht aus mindestens zwei Wörtern, die sich auf morphologischer Ebene überlappen. Den Prozess der Entstehung eines solches Wortes nennt die Sprachwissenschaft Kontamination. Soweit so Sprachwissenschaft.

Verlassen wir doch einmal den sprachwissenschaftlichen Aspekt der Bildung und führen den Laien lieber in die lustige Welt der dabei entstehenden Wörter ein. Ein Musterbeispiel bieten hierbei allerdings nicht die ohne Zweifel herrlich schrägen Sprüche „You go me animally on my nerves“ oder  „My dear mister singing club“ und deren Übersetzung, sondern vielmehr der Begriff unter dem sich diese Form der englisch-deutschen Sprachverhunzung zusammenfassen lässt: nämlich unter dem Begriff Denglisch (ein Kofferwort aus Deutsch und Englisch).

Den englischen, bzw. mittlerweile auch im Französischen und Deutschen geläufigen Begriff des Port(e)manteau hat übrigens seinerzeit Lewis Carroll geprägt. Humpty Dumpty erklärt Alice in dem Buch „Alice hinter den Spiegeln“ das Gedicht des Jabberwocky, indem er angibt, dass in jedem der unbekannten Worte zwei Bedeutungen stecken: sie seien wie Koffer. Leider ist das in der Übersetzung des Gedichts – davon gibt es mehr als 15 bedeutende allein in die deutsche Sprache – nicht immer konsequent umgesetzt worden.

„Gardaustig war’s und glasse Wieben“

lautet zum Beispiel die erste Zeile der berühmten Übersetzung von Christian Enzensberger, und da stellt uns bereits das erste Wort vor eine schwierige Aufgabe. Für „glasse“ einen Koffer aus glatt und blass zu entwickeln ist simpel, „Wieben“ bietet sogar vielfältigste Möglichkeiten, aber „gardaustig“?

Gut, wir sind darin ja nicht sonderlich geübt und tatsächlich haben wir in bisher allen genannten Beispielen und Experimenten lediglich eine von vier (andere sprechen noch von weitaus mehr) möglichen Wortbildungen durch Kontamination ausgeschöpft. Das bisher hier vorgestellte Verfahren bedient sich der Haplogie, die fälschlicherweise noch immer unter dem Begriff der Haplologie firmiert. Dabei geht es um die sinnvolle Verkürzung von mehreren gleichlautenden Silben oder Phonemen zu nur noch einer. Noch ein simples Beispiel zur Verdeutlichung: Wir sagen der Zauber und der, der es ausführt ist der Zauberer; wir sagen aber nicht die Zaubererin, sondern Zauberin. Häufig geschieht das zur Vereinfachung der Aussprache. Warum nun ausgerechnet die Haplogie weiterhin unter diesem Phänomen zu leiden hat, ist wohl ein Treppenwitz der Sprachwissenschaft.

Wie dem auch sei. Kommen wir zum Kern unserer Betrachtungen: dem Kofferwort baufräumen. Dieses setzt sich zusammen aus den Wörtern bauen und aufräumen. Wenn sie jemals in den Genuss kommen Kinder zu haben oder womöglich schon losgeworden sind, weil sie jetzt eigene Wege gehen, kennen sie das vielleicht: die herumliegenden Bausteine im Kinderzimmer, auf denen man sich so herrlich die unbeschuhten Füße wehtun kann. Zum Aufräumen werden Sie die lieben Kleinen vielleicht nicht bewegen, aber vielleicht wäre es einen Versuch wert, sie zum baufräumen zu bewegen, indem Sie sie vor die Aufgabe stellen, alle herumliegenden Steine für ein Bauwerk zu nutzen. Kein zusätzlicher Stein darf aus den Kisten genommen werden, es zählt allein die Schönheit des Bauwerks. Probieren Sie es doch einmal aus.

Mischmasch

wort-für-wort-steffen03Ich hatte mir vor Tagen einen kleinen pinkfarbenen Klebezettel in meinen Kluge (etymologisches Wörterbuch) hinterlegt und darauf das vielsagende Wort „Mischmasch“ notiert. Ich kann mich kaum an den Abend erinnern, an dem das geschehen sein soll; dennoch, der Zettel klebt da.

Was mache ich nun mit dieser Botschaft, die leider nicht mehr zu entschlüsseln ist? Ich lese den Artikel dazu erneut:

„m. stil. (< 16.Jh.). Ablautbildung, vielleicht von Paracelsus gebildet. Röhrich 2 (1992), 1036.“

Tja, das ist der gesamte Eintrag. Der Duden nennt das Ganze übrigens nicht Ablautbildung, sondern Reduplikationsbildung. Diese ist natürlich fehlerhaft, weil aus dem „Misch“ ein „masch“ wird, ähnlich wie bei Saus und Braus, Hinz und Kunz, Hans und Franz usw. Interessanter erscheint da schon die Aussage, dass Paracelsus dieses gebildet hätte. Die fehlt im Duden, die lehnen sich ungern so weit aus dem Fenster.

Paracelsus ist natürlich ein Synonym für einen furchtbar langen, anderen Namen, den ich als Kind schon mit einer höchst merkwürdigen Begebenheit verbinde. Wir wohnten nämlich in der Nähe der Paracelsusstraße, die von mir immer Paracelsiusstraße genannt wurde. Mir war der wohltemperierte Klang des zusätzlichen „i“ so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mich selbst nach Jahren noch, als ich längst wusste, wie die Straße richtig heißt und nach wem sie benannt worden ist, dabei ertappte, wie ich das „i“ dareinfügte, einfach des Klanges wegen.

Der geneigten Leserin wird der kleine Fauxpas mit dem ins Leere laufenden Relativsatz nicht entgangen sein. Mir fiel er soeben auf, nachdem der Text nun eine feine Staubschicht angesetzt hat. Ich schrieb den Anfang nämlich schon vor einer ganzen Weile. Ich habe natürlich auch vergessen, wie ich den Text enden lassen wollte, weshalb ich ihn gerade noch einmal las. Ich bin jetzt leider keinen Schritt weiter, denn ein Ende sollte dieser Text doch bekommen, bevor er im Blog erscheint.

Ich könnte ja den allseits bekannten Ausspruch Paracelsus‘ nutzen, der einmal gesagt haben soll, dass das Gift die Dosis mache. Auch hier kommt es ja auf Mischverhältnisse an. Stattdessen ließe sich aber auch die Verschmelzung aus Para- und -celsius als Mischmasch bezeichnen. Nein, das ist zu gewollt, wenngleich es die Wahrheit ist und ich tatsächlich als Kind das „i“ einfügte. Oder ich benutze den falschen Relativsatz als „Mischmasch“ in der Sprache und hätte ein versöhnliches Ende. Als letztes fiele mir noch der Unterschied zwischen der Ablaut- und der Reduplikationsbildung, der fehlerhaften, ein, den ich nutzen könnte, um daraus ein Ende für den Text zu stricken.

Vielleicht erzähle ich aber lieber, was sich ereignete, als ich den Text nicht zu Ende schrieb: Ich beschloss ein letztes Bier aus dem Keller zu holen, ging am Fenster meines Nachbarn vorbei, dieser winkte und ich deutete mit der leeren Flasche den Nachschubweg an. Als ich aus dem Keller zurückkam, ging ich die paar Stufen zu seiner Eingangstür hinauf, klopfte und trat ein. Ein dickes Buch lag aufgeschlagen auf seinem Küchentisch. Mein Nachbar ist Altsprachler, und was mir das etymologische Wörterbuch ist, ist ihm sein Altgriechisch-Deutsches Wörterbuch. Er erzählte mir dann, dass das Verb „kacken“ griechischen Ursprungs sei, das habe er gerade eben durch Zufall nachgelesen.  Darauf stießen wir an und dann endeten der Abend und der Text nicht.

 

Den Klebezettel habe ich nun entfernt. Die griechische Wurzel von „kacken“ habe ich im Kluge bestätigt, und ob der alte Paracelsius nun die Dosis zum Gift erklärt oder das Wort „Mischmasch“ erfunden hat, ach, scheißdrauf!

 

Lauschangriff auf So

wort-für-wort-steffen03Zeuge war ich neulich einer Unterhaltung, die sich um folgendes drehte:

Ichso. Duso. Alleso. So. So. So.
Sieso. Einfachso. Soneart.
Nichtso. Achso. Istso. Schauso.
Sonicht. Wieso. Siemeintso. Mirso.
Undso. Geradeso. Haltso. Dirso.
Wirso. Riechtso. Sogeil!
Wie? So? So!

Falls Sie also zufällig einmal nach den Kookkurrenzen des Wortes „so“ suchen und beim Wortschatzportal der Universität Leipzig nicht fündig werden. Außerdem sollte dort dringend überprüft werden, ob die Häufigkeitsklasse 4 dem aktuellen Sprachgebrauch gerecht wird.

Flaute

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Es gibt so Tage, an denen will man etwas unbedingt, aber es stellt sich einfach nichts ein. Und man ist in diesem Falle auch nicht ganz richtig, denn es ist meine Wenigkeit, bei der sich nichts einstellt. Zu so einer Situation könnte man – also nicht nur ich, sondern auch viele andere – Flaute sagen.

Hier ein kleiner Auszug aus dem DWDS dazu:

flau Adj. ‘schwach, müde, kraftlos’. Auszugehen ist wohl von lat. flāvus ‘gelb’ (verwandt mit ↗blau, s. d.; vgl. dazu lat. flāvēscere ‘gelb, fahl, welk werden’), auf das sich frz. flou ‘weich, sanft’ (afrz. flo auch ‘welk, schwach’) zurückführen lässt…

Flaute f. ‘Windstille’, bildlich für das ‘Fallen der Preise, Geschäftsstille’ (18. Jh.), ‘Mißstimmung’ (19. Jh., auch Flauheit, Flauigkeit)…

Das DWDS habe ich neulich beim Suchen gefunden, als ich die Etymologie dieses Wortes erfahren wollte und mir kein Buch zum Nachschlagen zur Hand war. Ich las im Netz von dieser höchst merkwürdigen Wortbildung und dachte mir, dass damit doch so einiger Schindluder zu treiben sei, schließlich lässt sich an allerhand Wörter ein Suffix –te hintanstellen. Wir könnten erfundene oder willkürliche Verwandtschaften daraus erwachsen lassen und sie auf diese Wortbildung zurückführen. Ein Beispiel? Interessant wäre sicherlich eine Verbindung von schlau und Schlaute. Klar, das Wort Schlaute müsste erst einmal ausgiebig beschrieben werden, bevor es mit dem Adjektiv schlau in Verwandtschaft gestellt werden könnte.

Schwieriger gestaltet sich das schon bei Wörtern, die es beide schon gibt. Versuchen Sie doch einmal eine etymologisch interessante Erklärung zu finden, weshalb Heu und heute miteinander verwandt sind. Oder rau und Raute. Tja, im DWDS jedenfalls findet sich eine Erklärung, weshalb blau mit gelb verwandt sein soll. Die ist mir sofort ins Auge gesprungen, als ich den oben zitierten Absatz zu flau las. Dann folgte ich dem Link von gelb zu blau, las dort weiter und befand die Erklärung für durchaus plausibel.

Gelb und blau! Das müssen Sie erst einmal hinbekommen! Und nun versuche ich mich seit Tagen an einer Verwandtschaft von Heu und heute oder einer ähnlich abwegigen Verbindung, aber nichts tut sich – Flaute eben.

 

Der Niednagel am erhobenen Zeigefinger der Rechtschreibung

wort-für-wort-steffen03Suchen und finden gehören eindeutig zusammen. Suchen bezeichnet den Prozess, finden das Ergebnis. So einfach, so klar. Diffus wird das Ganze erst, wenn eines von beidem, also entweder der Prozess oder das Ergebnis, in seiner eigentlichen Relevanz herabgesetzt wird. Dies kann aus unterschiedlichen Gründen geschehen.

Goethe schrieb einmal: „Ich ging im Walde/So vor mich hin,/Und nichts zu suchen,/ das war mein Sinn.“ Überschrieben hat er diesen bekannten Anfang seines Gedichts mit dem Titel „Gefunden“. Das lyrische Ich findet ein Blümlein, obwohl ihm der Sinn nach Suche gar nicht stand.

In der heutigen Zeit ist die Suchmaschine ein längst im allgemeinen Sprachgebrauch verankerter Begriff. Eine Findmaschine gibt es nicht. Es gibt aber eine Windmaschine. Eine Windmaschine bezeichnet in der Regel eine unter dem gebräuchlicheren Namen Ventilator anzutreffende mechanisch/elektrisch betriebene Vorrichtung zur Erzeugung eines gerichteten Luftstroms.

Diese äußerst ungeschickte Einleitung sollte erläutern, wie der hier Schreibende zu seinen Forschungsergebnissen kommt. Mir fiel leider nichts Besseres ein. Trotzdem ist das heute geschilderte Problem ein wirklich drängendes. Es geht heute um den Niednagel und seinen Artverwandten den Nietnagel.

Schon in der Schreibung und der sonst sofort ins Auge springenden roten, gezackten Linie unter jedem falsch geschriebenen Wort in meinem hier nicht namentlich erwähnten Textprogramm, könnte vermutet werden, dass es sich um ein und denselben Gegenstand handelt, einmal richtig und einmal falsch geschrieben. Eine Suche im Internet mit beiden Schreibungen bestätigt diesen Verdacht, erläutert dem Sucher aber nicht, warum das hier namentlich nicht erwähnte Textprogramm den Fehler in der Schreibweise nicht anzeigt. Sogar die hierfür nicht namentlich erwähnte Suchmaschine, die zu Rate gezogen wurde, fragt mich bei Eingabe der falschen Schreibweise nicht, ob ich nicht eher den Begriff mit der richtigen Schreibweise gemeint haben könnte.

Es gibt sie nämlich, die richtige Schreibweise. Niednagel schreibt sich mit d und nicht t. So steht es im Duden, so ist es Gesetz. Wo kämen wir denn hin, wenn es sich bei der Rechtschreibung nur noch um eine statistische Größe handeln würde, deren Mittelwert als Richtlinie, oder wie in diesem speziellen Fall, deren unterschiedliche Schreibungen keinen Alarm mehr auslösten, wie bei der namentlich nicht genannten Suchmaschine und dem ebenfalls inkognito auftretenden Textprogramm tatsächlich passiert.

Wussten Sie übrigens, dass der Niednagel von Neid kommt und seine Ursache im neidvollen Blick eines anderen auf den Niednageltragenden hat? Das ist ja auch ein wirklich seltsamer Umstand, denn nicht derjenige wird bestraft, der neidisch blickt, sondern derjenige, der dem Neid ausgesetzt ist. Und das, wo doch der Neid (Invidia) als Todsünde gilt. Da erfährt der Neider vorerst Straffreiheit und der Leidtragende auf Erden ist der neidvoll Angeblickte.

Tja, das war wieder viel Wind um nichts oder, um im Bild zu bleiben, der vielzitierte Sturm im Wasserglas. Ganz ohne Ventilator. Dafür mit Goethe.

Ahung

wort-für-wort-steffen03Ahung. Ich habe keine Ahnung, weshalb ich das Wort „Ahnung“ ausschließlich so falsch schreibe, wenn ich es falsch schreibe, aber es wird damit schon etwas auf sich haben. Deshalb nehme ich diesen Verschreiber in meine Hall of Fame der Verschreiber auf. Ich habe absichtlich Verschreiber geschrieben, weil es sich zwar um ein orthografisches Problem handelt, dieses aber wider besseren Wissens zustande kam und nicht vergleichbar ist mit einem Fehler wie „Mädchen“ mit „t“ zu schreiben.

Ahung. Was ist eine Ahung? In vielen Fällen von Fehlern, in den meisten sogar, die sich für länger in elektronisch geschriebenen Texten halten, ist ein Verschreiber etwas, das trotz eines offensichtlichen Fehlers richtig zu sein scheint. Wenn Sie zum Beispiel statt „ein“, was Sie ursprünglich schreiben wollten „dein“ schreiben, so merkt selbst das intelligenteste Schreibprogramm nicht, dass Ihre Finger die Taste „e“ auf Ihrer Tastatur nicht allein getroffen haben. Das Gleiche könnte Ihnen auch mit dem „s“ passieren. Fehler, die vielleicht erkannt werden, böten die Buchstaben „r“, „f“ und „w“, alles direkte Nachbarn des „e“ auf Ihrer Tastatur. Aber auch diese Wörter gibt es alle, so dass nur eine intelligente Fehlersuche diesen Mangel im Text erkennen kann.

Mit Ahung verhält es sich anders. Ahung bemerkt jedes Schreibprogramm sofort. Das Wort „Ahung“ steht nicht im Duden. Die Wortbestandteile, das große „A“ und das „h“ sowie die Endung „ung“ deuten zwar ein Substantiv an, das entweder eine Sache, einen Vorgang oder einen Zustand beschreibt, weil die Endung „-ung“ genau solche Substantive produziert. Da es sich aber bei „Ah“ weder um ein Substantiv noch um ein Verb handelt, bleibt die Verbindung scheinbar nutzlos, denn andere Verbindungen als die genannten, also mit Substantiven und Verben, lässt „ung“ im Regelfall nicht zu.

„Ah“ ist eine Interjektion, Wikipedia zufolge würde ich „Ah“, obwohl es dort nicht explizit genannt wird, zu den Symptominterjektionen zählen. Es ist ein Ausruf, den Allgemeinmediziner regelmäßig einfordern oder der uns selbst bei angenehmer Empfindung oder vielleicht sogar angenehmer Überraschung überfällt. Wenn wir diese beiden Wortbestandteile kombinieren entstünde so etwas wie die Zustandsbeschreibung oder Äußerung einer angenehmen Empfindung oder Überraschung oder – das wäre kontextabhängig – ein Ausdruck zur Beschreibung einer medizinischen Untersuchung. Tja, obwohl es das Wort Ahung gar nicht gibt, können wir damit plötzlich etwas anfangen. Zumindest ich bin angenehm überrascht.

Glaubig

wort-für-wort-steffen03Vorweg bitte ich zu entschuldigen, dass es mir nicht möglich war, auf sämtliche Fachausdrücke aus der Sprachwissenschaft zu verzichten. Es handelt sich bei diesem fantastischen Wort um ein sehr junges Geschöpf, wenn nicht sogar nur um einen der feuchten Erde entsprungenem Keim deutscher Wortfindung*, weshalb eine möglichst genaue, in diesem Fall bislang sogar einzigartige Klassifikation vorgenommen werden muss. Ich fühle mich deshalb geehrt und gleichzeitig in die Pflicht genommen, der erste Taxonom des Wortes glaubig zu sein.

Das Wort glaubig darf nicht mit dem Wort gläubig verwechselt werden. Es teilt sich mit diesem nicht nur einen sehr ähnlichen Wortstamm, der es in Zeiten der digitalen Kommunikation unheimlich schwer macht, es überhaupt ausfindig zu machen. Darüber hinaus sind auch die semantischen Unterschiede lediglich auf der Wortartebene zu unterscheiden. Gläubig ist ein Adjektiv. Als gläubig bezeichnen wir Menschen, die sich dem Faktischen gegenüber verschließen und lieber auf ihr Gefühl vertrauen. Bei glaubig liegt dem Ganzen nicht unbedingt nur ein Gefühl zugrunde. Vielmehr ist es eine Art von Wahrscheinlichkeit mit subjektiven Einschlag, die damit ausgedrückt werden soll.

Glaubig ist ein Adverb. Es übernimmt die Funktion eines sogenannten Satzadverbials und lässt sich in seiner Bedeutung durchaus mit dem Satzadverbial wahrscheinlich übersetzen. Wie oben bereits angedeutet hat es im Gegensatz zu wahrscheinlich allerdings eine subjektive Komponente, die sich auf die richtige Verwendung innerhalb der grammatischen Regeln auswirkt. Dazu ein Beispiel:

a) Gernot geht in die Schule.
b) Gernot geht wahrscheinlich in die Schule.
c) Gernot geht in die Schule wahrscheinlich.
d) Wahrscheinlich geht Gernot in die Schule.
e) In die Schule geht Gernot wahrscheinlich.

Ausgehend von Satz a bilden alle weiteren Sätze Modifikationen, die den Sachverhalt der Aussage abschwächen. Die unterschiedlichen Stellungen des Wortes wahrscheinlich ergeben sich aus den unterschiedlichen Fokussierungen, die wir vornehmen, die wiederum kontextabhängig sind. Was in Satz a noch Gewissheit war, wird in den folgenden Varianten eine Möglichkeit, deren absolute Menge an Möglichkeiten unbegrenzt, sich aus dem uns unbekannten Kontext heraus jedoch auf den Schulweg eingrenzen lässt. Vielleicht hat Gernot seine Schultasche dabei. Womöglich ist Gernot aber auch älter als sieben Jahre oder sieht zumindest danach aus, so dass die generalisierende Aussage, Gernot sei ein Schulkind, zutreffen mag. Wir wissen es nicht. Das ist aber auch völlig egal, ob Gernot in die Schule geht oder zum Bäcker. Das ist hier nicht der Punkt. Schauen wir uns die Sätze b-e einmal mit dem Satzadverbial glaubig an. Sprechen Sie die Sätze bitte laut aus und achten Sie dabei auf die richtige Aussprache von –ig. Insbesondere Eigner des hessischen Dialektes sollten hier auf den Trick zurückgreifen, sich das –ig am Ende des Wortes als ein –ich vorzustellen:

b) Gernot geht glaubig in die Schule.
c) Gernot geht in die Schule glaubig.
d) Glaubig geht Gernot in die Schule.
e) In die Schule geht Gernot glaubig.

Die einzige Variante, die sich unserem innewohnenden Sprachgefühl verschließt, ist die Variante d. Da glaubig über eine im Wortsinn beinhaltete Subjektivität verfügt, wäre es sozusagen doppelt gemoppelt, wenn wir die Fokussierung genau auf diese subjektive Sicht legen, nämlich, dass wir glauben, Gernot ginge in die Schule. Vielleicht wird dies in ferner Zukunft einmal möglich sein, so wie es mittlerweile ja auch möglich ist, mit weil eingeleitete Nebensätze mit Verbzweitstellung auszudrücken. Bislang konnte dieses Verhalten bei der Verwendung von glaubig jedoch nicht beobachtet werden.

Was bisher ebenfalls noch nicht feststellbar war, ist die Verwendung des Wortes als Adjektiv, so wie es bei wahrscheinlich durchaus möglich ist. Der wahrscheinliche Sieger ist denkbar, während der glaubige Sieger dämlich klingt. Noch! Wer weiß, was unsere Kindeskindeskindeskinder dazu denken werden.

Die Orthographie des Wortes glaubig hat sich nicht zuletzt aufgrund der anfangs nur mündlichen Verwendung des Ausdrucks relativ schnell eingebürgert. Die Schreibweise mit –ich am Ende wäre denkbar, konnte sich jedoch, nachdem die Schwelle vom Mündlichen ins Schriftliche überschritten war, nicht mehr durchsetzen. Dies verdanken wir wahrscheinlich den gut ausgebildeten Deutschlehrern, die unseren Kindern schon von früh an eintrichtern, dass ein –ich nur bei vorherigem –l, wie zum Beispiel bei herzlich, wahrscheinlich, höflich usw., zu schreiben ist, während alle anderen Konsonanten die Endung –ig fordern (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Am Ende noch ein paar wenige Worte zur Etymologie. Die Zusammenziehung aus dem Verb glauben und ich, die im Verlaufe ihrer Jahrhunderte währenden Verwendung – immerhin befinden wir uns am Ende der sogenannten Glaubensepoche – von glaube ich zu glaub‘ ich und dann zu glaubig wurde, trifft gerade in Bezug auf das Ende der soeben angesprochenen Epoche des Glaubens den Geist der Zeit. Noch sind wir nicht bereit, auf den Glauben zu verzichten, aber die Vereinfachung der Redewendung „glaube ich“ zu glaubig ist keine reine Notwendigkeit, die von den Sprechern des Deutschen ausgeht. Sie kündigt auch einen Zeitenwechsel an, denn mit dieser Vereinfachung schwindet auch die Macht des Glaubens. Vielleicht ist in zweitausend Jahren das Wort glaubig die einzige Brücke, die wir noch besitzen, um uns der Semantik des Glaubens überhaupt nähern zu können.

 

*Siehe auch: Hans Magnus Enzensberger, Windgriff

Gelungene Integration am Beispiel Mauer

wort-für-wort-steffen03Heute soll es einmal um den harten und steinigen Weg der Integration gehen, der Integration von Fremdwörtern. Fremdwörter sind Wörter, die aus anderen Kulturkreisen, mindestens aber aus anderen Sprachen in unseren gemütlichen Sprachschatz eindringen und dort für einigen Wirbel sorgen. Das läuft nicht immer reibungslos ab, ist mühsam und oft nicht erfolgreich.

Diese Integrationsprozesse werden im Übrigen nicht einfach so hingenommen, sie erfahren immer wieder Ablehnung durch bestimmte Gruppen in der Bevölkerung, darauf kommen wir noch zu sprechen. Häufig jedoch überwiegt der Nutzen, den die Integrationswilligen davon haben, und damit meine ich nicht nur das zu integrierende Fremdwort, sondern vor allem diejenigen, dessen Sprachschatz sich durch die Einführung solcher Wörter erweitert, ja bereichert.

Als Beispiel einer gelungenen Integration dient uns heute das Wort Mauer. Im Gegensatz zum Zaun, welches in der heutigen Integrationsdebatte immer mal wieder auftaucht, handelt es sich bei der Mauer nicht um ein Erbwort. Erbwörter sind Wörter, deren Historie weit zurück verfolgbar ist, bis hin zu einer indoeuropäischen Wurzel. Sie gehören zum sogenannten Erbwortschatz unseres lexikalischen Systems, also dem gesamten Wortschatz, auf den wir zurückgreifen.

Man sieht es der Mauer nicht an, das Wort sieht aus wie ein typisches, deutsches Wort, es verfügt weder über besondere Laute, die es bei uns nicht gibt, wie zum Beispiel in Garage. Es trägt eine Endung wie sie viele urdeutsche Wörter besitzen, wie zum Beispiel Trauer oder Dauer. Es dekliniert sich unauffällig, es ist vollständig integriert, könnte man sagen. Aber es ist eben kein Erbwort.

Die Mauer gab es im alten Germanien nicht. Erst die Römer führten diese Bauweise ein, indem sie die aus Stroh und Lehm gebaute Wand durch Gestein ersetzten. Die Germanen schauten sich das ab, und weil sie keinen eigenen Begriff dafür hatten, übernahmen sie nicht nur die äußerst stabile Bauweise, sondern auch gleich noch das Wort dafür. Murus heißt es im Lateinischen und daraus wird mura im Althochdeutschen (Längenzeichen und Betonungen habe ich zur besseren Lesbarkeit weggelassen).

Doch wieso nahmen die Germanen nicht das Wort Wand, um damit auszudrücken, was sie meinen? Schließlich geschieht dies heute durchaus, insbesondere für Teile eines Hauses. Weil die Wand ursprünglich von Winden kommt und mit dem Gewundenen, Geflochtenem einer Wand hat die Mauer nun wirklich nichts gemein. Heute wissen das nur noch wenige und plötzlich ist Wand ein durchaus gängiges Synonym für Mauer. Dem alten Germanen wäre dies wahrscheinlich nicht in den Sinn gekommen.

Die alten Germanen hätten sich allerdings auch sehr gewundert, was aus ihrer Sprache heute geworden ist. Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich ja von Haus aus eher mit dem Weg zurück, weshalb es nicht schwer gefallen ist, den Begriff Mauer mit dem latein. murus, dem ahd. mura, dem mittelhochdeutschen mure bzw. muer zu der heutigen Mauer zurückzuverfolgen. Die Veränderungen, die das ahd. mura dabei auf sich genommen hat, sind auf Integrationsbemühungen zurückzuführen, die auf den ersten Blick nicht von ihm selbst ausgingen, sondern von seiner neuen Umgebung der ahd. Sprache von ihm abverlangt wurde. Es hat sie aber mitgemacht.

Bei der Mauer war das ein Sprachwandel von großer Anstrengung, den nicht nur das Fremdwort mura durchmachen musste, sondern dem auch alle anderen Wörter des Althochdeutschen unterlagen. Da schwächt sich der unbetonte Schlussvokal von a zu e ab, das Geschlecht wird weiblich, dann kommt noch eine Lautverschiebung, Diphthongierung, die Flexion wird der von Erbwörtern wie Trauer angepasst, erste Ableitungen wie mauern entstehen, neue Bedeutungen werden hinzugefügt, das Substantiv Mauer wird groß geschrieben und, und, und. Wie ein altes Schifferklavier wurde das Wort zusammengepresst und auseinander gezogen, bis es zu dem wurde, was wir heute kennen und dem wir nicht mehr ansehen, woher es einmal kam.

lat. murus > ahd. mura > mhd. mure > mhd. mur > fnhd. muer > heute Mauer

Dieser Prozess hat mehr als tausend Jahre gedauert. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Das klappt nicht immer und oft gibt es Widerstände, Sprachpuristen zum Beispiel. Ihnen muss man aufmerksam zuhören, denn nicht alles, was sie an Einwänden vorbringen, ist als dumm oder reaktionär abzutun. Manches erschließt sich erst viel später, manches ist sogar sinnvoll, schöpft aus dem Vollen der vielen Möglichkeiten, die unsere Sprache ohnehin bietet.

Man denke dabei nur einmal an den Sprachpuristen Joachim Heinrich Campe und seinem Wörterbuch von 1801 und 1813. Das Kompositum Festland für das Fremdwort Kontinent ist heute unhinterfragter Bestandteil des deutschen Wortschatzes. Anderes hat sich nicht durchgesetzt, wie zum Beispiel Urgemenge für Chaos. Und über manches, was einst nicht in die Zeit gepasst hat, lohnt es sich heute noch einmal nachzudenken, wie zum Beispiel den damaligen Versuch den Soldaten durch Menschenschlächter zu ersetzen. Nicht weil der Begriff jetzt besser passen könnte als einst, sondern einfach aus einer pazifistischen, grundsätzlich zivilisierteren Grundhaltung heraus, der wir uns ja immer wieder gegenseitig versichern, deren Fortschritt wir uns gerne auf die Fahnen schreiben, der uns von den „Wilden“ unterscheidet.

Heute ist aus dem Fremdwort Mauer längst ein Lehnwort geworden, das heißt, es ist dem Kern unseres lexikalischen Systems, dem Erbwortschatz, erheblich näher gekommen. Der Unterscheidung zwischen Lehnwortschatz und Erbwortschatz ist häufig nur noch mit Hilfe der Etymologie auf die Schliche zu kommen. Das ist aber keineswegs bedauerlich.

behelligen

behelligen: In dem seit dem 20. Jh. kaum mehr gebräuchlichen Verb stecken zwei mhd. Adjektive, die sich semantisch  widersprechen: hel für „schwach, matt“, woraus sich zuerst das Verb helligen „ermüden“ abgeleitet hat, das später durch die Präfixbildung „behelligen“ ersetzt wurde; bzw. hel für „tönend, licht, glänzend“, demzufolge neueste etymologische Studien auf eine Renaissance des Verbs in Verbindung mit der Benutzung von Smartphones schließen: jmd. behelligen: zu nachtschlafender Zeit Text-, Bild- oder Sprachnachrichten versenden.