Schrödingers Kommode

Information: Ein mit weißem Klebeband oben und unten fixiertes DIN A4 Blatt mit schwarzem und grünem Faserstift bemalt.

Zitat:                           schön, dass ihr etwas zu

                                   verschenken habt

                                   Aber stellt es bitte vor

                                   eure eigene Tür!

                                   Auch wenn es regnet, ist hier

                                   kein Abstellplatz !

                                   Und jetzt holt bitte diese „Kommode“ ab 

                          

Kommentar: In Hannover Linden ist es tatsächlich üblich, Dinge vor die Tür zu stellen mit dem Vermerk „zu verschenken“. Selbst Dinge, die andere nicht einmal geschenkt haben wollen, finden so häufig noch einen Platz abseits der Mülltonnen. Manchmal kommen diese Dinge von dort leider nicht mehr weg, was dem ein oder anderen dann stinkt.

Wir müssen davon ausgehen, dass jeder Hausbewohner auf die Frage des Einen hin verneinte, als dieser nach dem Besitzer der „Kommode“ fragte, denn der Hinweis in grün würde sonst keinen Sinn ergeben. Wollen wir hoffen, dass niemand von ganz oben nach ganz unten und wieder zurück musste (fünf Etagen!), um die leidige Besitzfrage zu stellen, die womöglich auch noch jemand mit „Nein“ beantwortet haben könnte, in dessen Besitz sich die „Kommode“ einmal befand.

Denn wenn ich etwas zu verschenken habe und auf die Straße stelle, bin ich doch nicht mehr Besitzer dessen. Vielmehr verhält es sich mit dem Besitz nun so ähnlich wie mit Schrödingers Katze: In dem Moment der Frage könnte ja jemand vorbeigekommen sein, um die „Kommode“ abzuholen und die Frage wäre mit „Nein“ zu beantworten. Ohne nachzuschauen, ob die „Kommode“ noch da ist, wüsste niemand, wem die „Kommode“ gehört. Und eigentlich ist es auch nicht wie mit Schrödingers Katze, denn die gehört ja Schrödinger, besser: gehörte, besser: suchen Sie sich etwas aus!

Sollte Sie also einmal jemand nach dem Besitz oder Verbleib einer „Kommode“ fragen, sagen Sie einfach, die gehört(e) Schrödinger.

Werbung

Geschmacksverstärker

betrachtet-steffenInformation: Ein Milchkarton, Tetra Pak. In der rechten unteren Ecke prangt eine Werbung der Firma Lidl, nach der Lidl offizieller Lebensmittel-Partner des Deutschen Handballbundes sei, kurz DHB. Darüber drei Handballer, die zwei äußeren mit einem Ball, der in der Mitte reckt die Faust in Höhe des Kinns. Über den drei Handballern ist ein Herz in Deutschlandfarben angebracht und daneben steht noch der Hinweis „Serviervorschlag“, der allerdings weniger mit dem Beschriebenen zu tun hat, sondern sich vielmehr auf das große Produktfoto in der Mitte der Verpackung bezieht.

 

Zitat:                           Ess! Lebe!

Handball!

Lidl

 

 Kommentar: Wir haben es hier nur mit einem der größten Lebensmitteleinzelhändler Deutschlands zu tun, dessen Strategie vor allem darin besteht, Markenprodukte zu kopieren und diese mit Salz, Zucker und anderen Geschmacksverstärkern dermaßen zu überfrachten, dass das eigentliche Original dagegen fade schmeckt. Dem Unternehmen ist dies hier leider nicht gelungen. Die Überfrachtung ist durchaus gelungen, dem möchte ich nicht widersprechen, nur ist das Original deshalb nicht fade. Aber widmen wir uns doch einmal den einzelnen Bestandteilen:

Ess! Ein falscher Imperativ nebst Ausrufezeichen oder eben doch ein Personalpronomen mit unzulässiger Verlängerung? Wer kann das schon wissen, aber schmecken tut es in keinem der beiden Fälle.

Lebe! Für sich allein stehend schon wieder ein Imperativ, auch hier wieder mit Unterstützung durch ein angehängtes Ausrufezeichen. Im Zusammenhang mit dem unzulässig verlängerten Personalpronomen wird daraus „es lebe…“

Handball! Für sich gesehen die unstrittigste Aussage an dem ganzen Text. Sowohl im Zusammenhang gelesen: „Es lebe Handball“ als auch einzeln „Handball!“ kann man das so machen. Hier ist nicht einmal der imperative, mittlerweile durchgenudelte, inflationöse Baseballschläger, den man zur Bekräftigung eigener Argumente immer im Kofferraum seines Autos haben sollte, nebst dem darunter angeordneten Ball (na klar, auch hier rede ich natürlich nur von dem Ausrufezeichen) an falscher Stelle.

Und jetzt noch ein kurzer Blick zum Original: „Wir. Dienen. Deutschland.“ Eine Kampagne der Bundesrepublik und ein guter Beweis dafür, dass wirklich fast alles vom Etat der Bundeswehr in Beraterfirmen geflossen ist, hier allerdings in eine, die etwas von ihrer Arbeit versteht und zu dieser wirklich gelungenen Werbekampagne geraten hat. Man und auch frau kann zur Bundeswehr stehen, wie sie oder er will. Mit Bewunderung für die klare Sprache, der nötigen Zurückhaltung (denn es sind nur Punkte, keine Ausrufezeichen) und den sowohl einzeln als auch zusammenhängend verständlichen vier! Botschaften kann der Verfasser an dieser Stelle nur den Hut ziehen, und Chapeau! ausrufen.

Und Lidl? Lesen Sie noch einmal den ersten Absatz, falls Ihnen das entgangen sein sollte.

Keinepost

betrachtet-steffenInformation: Ein hölzerner Briefkasten mit einem darauf geschraubten Plastikschild. In der Einlage des Schildes ein kleiner, weißer, schwarz bedruckter Zettel.

 

Zitat:

Keinepost

Keine Werbung!

keine-post.jpg
 

Kommentar: Versuchen Sie einmal „Keinepost Nachname“ zu googeln. Sie werden kurzerhand gefragt, ob Sie nicht besser „keine Post nachnahme“ meinten. Google hätte auch schreiben können, ob Sie nicht mehr ganz bei Trost sind, das hätte nichts geändert, denn diese Frage ist eine sogenannte rhetorische Frage, Sie können Sie gar nicht beantworten. Die Antworten liefern Ihnen die unpassenden Suchergebnisse.

Leider war deshalb nicht festzustellen, ob es sich bei dem Begriff „Keinepost“ um einen echten Nachnamen handelt. Festzustellen bleibt allerdings, dass das „Keine Werbung!“ genau das bedeutet, was es bedeutet, denn die Anordnung der Aufforderung entspricht den Anordnungen der Aufforderungen der links- wie rechtsseitig montierten Briefkästen. „Keine Werbung!“ ist demzufolge kein Doppelname oder womöglich sogar zwei Einzelpersonen. Naja, immerhin wohnt hier keine WG im Haus, deren Bewohner ein Faible für skurrile Nachnamen hat.

Doch was soll ein solcher Briefkasten nun bedeuten, dessen eigentlicher Zweck es ist, doch genau das zu tun, was ihm hier mittels Botschaft versagt bleibt, nämlich Post aufzunehmen? Nicht einmal Werbung ist erlaubt. Das ist ja schon fast so gemein, wie wenn man mit Nachnamen „Licht“ hieße und ständig die Leute im Dunkeln bei einem klingeln, weil sie denken, dann geht das Licht im Flur an – nur anders herum, irgendwie.

 

 

Der größere Absatz ist als Zeit gedacht, die die geneigte Leserin womöglich für den angefügten Nachsatz hinter dem Gedankenstrich benötigt. Ich habe dafür viel länger gebraucht, wollte jetzt aber auch niemanden mit tausenden von Leerzeilen nerven, was ungefähr genauso blöd wäre, wie der oben gezeigte Briefkasten. Aber eines noch zum Schluss: Ich habe ganz genau nachgesehen, der Briefkasten war leer.

Neun Nadeln

 

betrachtet-steffenInformation: Schlichter weißer Zettel, A5, mit handschriftlicher Notiz. Angepinnt durch 8 Stecknadeln auf eben jenem „Dreck“, der ein in die Jahre gekommenes Sitzmöbel dar- und nicht unwesentlich den Gehweg verstellte.

 

Zitat:

Räumen Sie Ihren Dreck

hier weg! Wie lange soll das

noch hier rumstehen.

Sperrmüll (unlesbar) wird kostenlos abge-

holt, wenn Sie einen Termin haben.

(Für die Anwohner der Stärkestraße!)

 

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Kommentar: Diese Nachricht gibt einige Rätsel auf und erinnert mich wegen der eigenwilligen Befestigung an eine Kurzgeschichte von James Thurber. Darin ergeht es einem namenlosen Ich höchst unangenehm, weil, in einer fremden Wohnung rasierend, sich plötzlich neun Nadeln in allerhand Gegenständen befinden, in die sie nicht hineingehören. Da der Protagonist nicht möchte, dass sich daran jemand verletzt, nimmt er einen der Gegenstände (Handtuch)  kurzerhand mit und hinterlässt für den anderen (Waschbecken) einen kleinen Hinweiszettel, auf dem steht, dass darin Nadeln verborgen seien, auf die Acht zu geben wäre. Die Suppe aus Rasierschaum und das arg in Mitleidenschaft gezogene Badmöbel (Spiegelschrank) verfestigen laut Protagonisten den Eindruck der mutwilligen Zerstörung fremden Eigentums. Die Flucht am Ende, der Handtuchdiebstahl, überhaupt sämtliche zerstörerischen Hinterlassenschaften deuten auf einen Hotelbesuch hin, aber es waren Freunde des Protagonisten; die Betonung liegt wohl auf „waren“.

Die aufmerksame Leserin wird an dieser Stelle spätestens einwenden, dass es doch nur 8 Nadeln sind, die die Notiz halten. Und da gebe ich Ihnen Recht. Seien Sie also gewarnt, irgendwo muss das Biest ja sein.

Kontaktanzeige

kontaktanzeige

Information: Karton unter Folie, handschriftlich beschrieben in den Farben weiß und schwarz. In einem alten Plakatrahmen aufgeklebt mit schwarzem Klebeband.

 

Zitat:

DU (m, dunkle Haare, Sporttasche)

hast mich (m, blond, schwarze Mütze)

angegrinst, als ich mit einer Freundin

auf der Limmer Höhe (Tedi)

saß (Mittwoch 10. Oktober 20:00/21:00 Uhr)

Würde dich gern nochmal sehen…

Email:…

 

Kommentar: Kontaktanzeigen im öffentlichen Raum haben grundsätzlich etwas leicht Verzweifeltes an sich, selbst wenn sie so unbeschwert daherkommen wie diese hier. Der Kontaktanzeige müssen nämlich reifliche Überlegungen vorausgegangen sein, wie z.B.: galt das Lächeln mir? Habe ich gerade etwas Dummes gemacht oder war dies einer dieser verschwörerischen Momente, bei denen man spürt, mit seinem Gegenüber auf einer Wellenlänge zu sein?

Was dabei gedanklich alles ablaufen kann, lässt sich in etwa so beschreiben, wie die kleine Geschichte von dem Hammer des Herrn Watzlawick. Da beschließt ein Mann ein Bild aufzuhängen, und weil er keinen Hammer hat, will er sich diesen von seinem Nachbarn leihen. Ende vom Lied ist, dass er zum Nachbarn geht und diesem an den Kopf wirft, den Scheiß-Hammer gar nicht zu wollen. Wer meine assoziative Verzweiflung spürt, kann vielleicht nachvollziehen, weshalb ich von der Idee, Kontaktanzeigen in den öffentlichen Raum zu kleben, eher nicht so begeistert bin. Aber vielleicht liege ich ja auch so richtig falsch, wer weiß…

Gefangener

gefangener.jpg

Information: Ein weißer Zettel in A4-Format, quer auf eine Hauswand geklebt, dreifarbig gestaltet. Auf einen grünen Schriftzug folgt eine rote Aufzählung, rechts oben prangt ein blaues Gesicht.

 

Zitat:                           Wievieler Dinge

                                    wegen macht der

                                   Mensch sich zum

                                  Gefangenen und

                                   zum eigenen Sklaven

                                   z.B. Geld, Macht, Vergnügen usw.

 

Kommentar: Heute einmal ganz philosophisch: Die beispielhafte Beantwortung der gestellten Frage am Ende des Textes impliziert, dass es gar nicht so sehr um die Zahl geht, sondern um das Benennen der Dinge, worumdessen sich der Mensch zum Gefangen und zum eigenen Sklaven macht. An der Frage wie auch an der beispielhaften Antwort ist gar nichts zu bemängeln. Allerdings könnte sich die Gestaltung des Zettels auch ganz anders ausnehmen. Wünschenswert wäre hier eine Form des Abreißzettels, quer zum restlichen Schriftbild, entweder leicht perforiert oder gleich zugeschnitten, so dass vorbeikommende Fußgänger sich an ihnen bedienen könnten. Stellen Sie sich einmal vor, da fehlten bereits die Hälfte der Zettel. Die Leute kämen aus dem Nachdenken gar nicht mehr heraus. Was könnte auf den fehlenden Schnipseln gestanden haben? Sex vielleicht? Anerkennung? Selbstwert? Neugier? Wir könnten den Passanten dazu zwingen, über die Frage nachzudenken. Auf einer ganz persönlichen Ebene. Am Ende bliebe womöglich kein Abreißzettel mehr übrig, Vorübergehende müssten sich immer fragen, ob da nicht vielleicht eine Telefonnummer, Internetadresse hinterlegt gewesen ist, ob es vielleicht noch Zettel mit Schnipseln gibt, die mehr verraten. Plötzlich tigern Menschen durch die Wohnviertel und suchen Zettel an Hauswänden, nur weil sie Angst haben, etwas verpasst zu haben, Geld womöglich, Macht oder Vergnügen. Ein Potpourri an Möglichkeiten.

Das Wort „worumdessen“ habe ich übrigens frei erfunden. Das gibt es nicht.

Herzlich willkommen

Herzlich willkommen

Information: Eine rote Klebefolie mit darunter durchscheinendem weißen Schriftzug. Perfekt eingepasst in einen dünnen weißen Kleberahmen, der rechteckig entlang der Glasfläche einer Glastür angeklebt ist. Die schmale Glasfläche, rechts daneben im Bild, zeugt von der Professionalität und Einheitlichkeit auf sämtlichen Glasflächen des Geschäfts. Profiarbeit.

 

Zitat:

Herzlich Willkommen

 

Kommentar: Naja, nicht ganz. Der Profi hätte sich vorher im Duden über die richtige Schreibweise von Willkommen informiert und da wäre ihm aufgefallen, dass Willkommen in „…Fügungen wie „Herzlich willkommen“ oder „Seien Sie herzlich willkommen“…“ klein geschrieben wird, da sich Willkommen in diesem Fall einer adjektivischen Verwendung erfreut. Aber Schwamm drüber. Das ist nun wirklich Korinthenkackerei gegenüber der weniger marginalen Feststellung, dass es der Tür an etwas Offensichtlicherem mangelt. Die Scharniere rechts unten deuten es bereits an. Die Tür öffnet sich nach außen. Von innen ist eine Klinke zu sehen, nur von außen fehlt diese leider. Was vorher schon weniger ernst genommen wurde, schließt sich demnach völlig aus, weil diese Tür überhaupt niemanden willkommen heißen kann. Vielleicht einen Steinewerfer oder jemanden, der mit einem Kuhfuß ausgestattet ist, aber die Normalsterblichen, die sich an herkömmliche Regeln zum Öffnen einer Tür halten, müssen leider draußen bleiben.

original vs. originell

Information: Ein weißes Blatt Papier, eingeschweißt in Folie, auf dem ein Foto abgedruckt ist, welches die Wand zeigt, auf der das Blatt angebracht ist. Ein grüner Marker gibt die Anweisungen. Das gleiche wiederholt sich auf dem Foto, worauf ein nicht eingeschweißter Zettel zu sehen ist, der scheinbar vor dem jetzigen Blatt dort angebracht war. Auch darauf wurde mit grünem Marker geschrieben. Ein paar Kugelschreibernotizen auf dem Zettel auf dem Foto auf dem eingeschweißten Blatt.

Zitat:

Auch kein Obst bitte!

Kein Papier!

nur Ebooks                             Klawitter

Es nennt sich „Wasser“!

Oder andere sperrige Gegenstände

 

Kommentar: An diesem hervorragend komponierten Hinweis, dass bitte nichts in das Urinal geworfen werden sollte, was größer und fester als ein Stück Toast ist, könnte man sehr gut den Unterschied zwischen original und originell klären. Die Suffixe –al und –ell treten mitunter in gegenseitiger Konkurrenz an dem gleichen Wortstamm auf; manchmal durchaus mit Bedeutungsverschiebung, häufig aber auch ohne. Bei original und originell tut sich selbst der Duden schwer, eine Bedeutungsverschiebung deutlich zu machen, vor allem weil unsere Sprache in dieser Beziehung scheinbar noch nicht nuanciert genug gebaut ist. In diesem Fall kann der versierte Verwender im Regelfall auf ein Beispiel zurückgreifen. Das macht er hiermit:

Der Zettel auf dem Foto, auf dem ein Foto abgebildet ist, auf dem man einen Zettel sieht, der die Botschaft: „Kein Papier“ enthält, ist original. Die Idee, den originalen Zettel so „einzukleiden“ ist originell.

Bei Strafe

strafe

 

Information: Ein gelbes Schild, vermutlich aus Blech, darauf in schwarzem Dünnrahmen ebenso schwarze Druckschrift bekräftigt durch ein Ausrufezeichen in rot, wiederum vermutlich ein besonders breiter Marker, angeschraubt an eine schmucklose Betonwand.

 

Zitat:                     In diesem Raum ist das

Rauchen bei Strafe und

fristloser Entlassung

verboten !

 

Kommentar: Dies Foto ist uns zugesandt worden. Wir kennen weder den Ort, an dem es zu lesen ist, noch den Arbeitgeber, der hier mit Entlassung und Strafe droht. Über das Ausrufezeichen braucht hier nicht geredet zu werden. Es wäre für solche Art von Schildern redundant. Im Gegenteil sogar verliert es durch das Ausrufezeichen an Nachdruck, wirkt fast komisch, so als würde ein Ausrufezeichen auf dem Stoppschild dafür sorgen, dass die Leute plötzlich anhalten und nicht weiterfahren, wenn die Straße frei ist. Jetzt haben wir doch darüber geredet.

Interessant an dem Schild ist aber nicht das Ausrufezeichen, sondern der Appell an sich. Es handelt sich offensichtlich um ein Rauchverbot, das hier (in diesem Raum) durchgesetzt werden will. Gedroht wird mit Strafe, eine nicht unübliche Taktik, und mit fristloser Entlassung, die offensichtlich nicht schon Strafe genug wäre, für den Fall der Missachtung des Verbots. Dass Raucher dort gern arbeiten, kann in Zweifel gezogen werden, vielleicht arbeiten sogar Nichtraucher nicht gern dort. Oder wie erklärt sich sonst, dieses absolut lächerliche Ausrufezeichen? Das hat doch niemand auf dem Schild vergessen! Das gehört da nicht hin! Und dann kommt da jemand und will dem Schild mehr Nachdruck verleihen, noch dazu nach einem so schönen Satz, denn wann zuletzt hörten wir den Ausdruck „bei Strafe“ – nirgends kann eine Präposition sinnvoller eingesetzt werden als an dieser Stelle! Das kann kein Kiezdeutsch wegreduzieren! – und verschandelt nicht nur die Wirkung des Satzes, sondern das gesamte Schild! Das hat doch jemand mit Absicht so durch den Kakao gezogen!

Die Farbe dieses witzgewordenen Satzbeenders ist nicht dem offensichtlichen Mangel an Alternativen geschuldet, wir sind uns sicher, es hätte sich auch ein schwarzer Stift gefunden, nein, das hat Methode! Da setzen wir mal den Rotstift an, kennt ja jeder diesen Satz. Was passiert dann? Es wird gestrichen! Hier wird ein Satz gestrichen in seiner ganzen Aussagekraft durch ein handschriftlich ergänztes Ausrufezeichen! Hier brauchen wir gar nicht weiterreden, die Interpunktion hat alles kaputt gemacht. Wir würden dort nicht einmal arbeiten wollen, wenn es unter Strafe stünde, dort nicht zu arbeiten! Banausen!

 

Nachhilfe

Nachhilfe

 

Information: Schwarze Computerschrift auf einem weißen Zettel. Zwei Schriftgrößen. Zettel hängt angepinnt an einer Pinnwand.

 

Zitat:                  Betreff: Nachhilfe

                               Sehr geehrte Damen und Herren,

                               Ich suche eine Nachhilfe ab sofort für meine beiden Kinder 15

                               und 17 Jahre alt.

                               Die Nachhilfe soll einmal die Woche stattfinden, bei

                               Klassenarbeiten ggf. auch zweimal.

                                Bei Interesse bitte unter … anrufen

                               Mit freundlichen Grüßen

                               Unterschrift

 

 

Kommentar: An einer Pinnwand befinden sich erfahrungsgemäß eine Handvoll Zettel, die das ein oder andere ankündigen oder anbieten. Bei diesem Exemplar handelt es sich um ein eher verstecktes Angebot. Inseriert wird nämlich eine Suche. Da sucht jemand etwas. Hinter dieser Suche steckt jedoch ein durch Bedarf abgedecktes Bedürfnis. Die Nachhilfe, die hier gesucht wird, soll, so hoffen wir inständig, nicht umsonst arbeiten. Das Bedürfnis den Kindern helfen zu lassen, ist demnach ein Angebot für jemanden, der sich auskennt und sein Wissen gern an andere weitergibt, gegen Geld versteht sich.

Nun ist es aber so, dass dieses hier versteckte Angebot äußerst gut versteckt ist. Es ist dem Text, der Suche oder dem Angebot nicht zu entnehmen, um welche Art Nachhilfe es sich handelt. Die Vermutung, dass es sich um im schulischen Kontext abzuspielende Nachhilfe handelt, legt das Alter der Kinder nahe. Doch um welches Fach es sich denn dreht, geht aus dem Text nicht hervor. Das ist doppelt schade. Wir können daraus nämlich drei Schlüsse ziehen, die allesamt wenig schmeichelhaft sind. Der erste, leider sehr naheliegende Schluss, ist das Geschlecht des Auftraggebers. Es handelt sich dabei um eine männliche Person, den Vater. Das können wir nicht anhand der hier unkenntlich gemachten Unterschrift oder Telefonnummer ermitteln, sondern aus der Tatsache, dass die wesentliche Information fehlt. So etwas, so leid es mir tut, ist Männersache.

Der zweite Schluss, der sich aus dem ersten ergeben könnte und deshalb doppelt schade ist, ist, dass durch das Fehlen der wesentlichen Information der Eindruck entstehen könnte, dem Vater sei die Nachhilfe seiner Kinder nicht so wichtig. Spätestens am Telefon könnte der Vater den oder die Anruferin vom Gegenteil überzeugen.

Der dritte Schluss, der ebenfalls mit der wesentlichen und leider fehlenden Information zusammenhängt, legt nahe, dass es den Kindern in allen Fächern an nötigem Wissen mangelt und tatsächlich für jedes Fach eine Nachhilfe benötigt wird. Auch keine schöne Vorstellung.

Hoffen wir, dass dem besorgten Vater geholfen wird, wie auch immer sich das Problem gestalten mag.