Zukunft in der Grundschule

Heute war Zukunftstag. Mein ältester Sohn begleitete mich in die Schule und saß die ganze Zeit in meinem Unterricht herum. Ich war schlecht vorbereitet, also nicht für den Unterricht, eher auf seine Anwesenheit. Ich glaube, das war einer der langweiligsten Tage, die er je erleben musste, weil ich ihn da sitzen ließ und es genau der gleiche Quatsch war, den ihn die restliche Woche auch so umtreibt, nur dass statt eines Lehrers sein Vater da vorne stand.

Und was für ein Horrortag. Der eine Junge bekommt seit Ende der Osterferien ein neues Medikament, das noch nicht so richtig eingestellt ist, weshalb er im Unterricht laute Furz-, Räusper- und Schluckgeräusche von sich gibt, um auf sich aufmerksam zu machen. Oder er gibt zu allem und jedem seinen Senf ab, wobei ich davon insgesamt vier Spezialisten habe. Ein Mädchen, emotional auch nicht gerade ein Fels in der Brandung drohte dann einem anderen Mädchen Schläge an und verließ dann gleich zweimal wutentbrannt den Raum, während ich ein Kapitel aus dem Buch vorlesen wollte. Als dreiviertel der Doppelstunde um war, musste ich das Lesen vollkommen einstellen und ordnete eine Zwangspause an. Ich ließ die Kinder, weil sie mir so auf die Nerven gingen, drei Seiten in einem Arbeitsheft bearbeiten und nahm am Ende alle Hefte mit, um, wie ich sagte, eine Note zu vergeben. Das war wirklich das Dümmste, was mir einfallen konnte, einen Tag vor dem Wochenende. Glücklicherweise hatte ich das Kapitel für einen Schüler mit Corona gerade komplett eingescannt, so dass ich trotz der eingesammelten Arbeitshefte eine saftige Hausaufgabe zur Lektüre geben konnte. Die Hefte habe ja nun leider ich an der Backe.

Die nächsten zwei Stunden waren nicht besser. Ich reagiere allergisch auf die Anrede „Herrn spraakvansmaak“. Ich kann nicht verstehen, wie sich dieses „n“ da ans Ende vom Herrn eingeschlichen hat. Und dann noch dieses Duzen dabei, weil sie ja noch nicht gelernt haben, Sie zu sagen. „Herrn spraakvansmaak, kannst du mal kommen?“ „Herrn spraakvansmaak, kannst du mal weggehen, ich kann die Tafel nicht lesen.“ Ich bin jetzt seit fast einem Jahr an der Grundschule, und wenn ich nicht wüsste, dass sie es nicht besser können, ich wüsste, dass ich das so machen würde, um meine Lehrer zur Weißglut zu treiben. Und dann gucken die dabei so lieb und unschuldig, was sie eigentlich auch sind, denke ich, bevor ich einem gestatte, während der Stunde auf Toilette zu gehen, um dann festzustellen, dass plötzlich die halbe Klasse mal muss. Rudelpissen bei Herrn spraakvansmaak.

Die letzten zwei Stunden sind dann Erholung pur, in meiner Daz-Stunde lerne ich italienische und türkische Farben und meine beiden Schüler lernen gefühlt überhaupt nichts. Das Suchsel, in dem ich Farben zum Suchen untergebracht hatte, kam bei dem türkischen Jungen überhaupt nicht an, weil er nicht verstand, wie das gehen sollte. Als ich ihm dann vier Begriffe gezeigt hatte, mit Händen und Füßen zu erklären versuchte, dass die Begriffe von rechts nach links, von oben nach unten und diagonal angeordnet sein können, war die Stunde fast rum. Wir spielten noch eine Partie Dobble und ich ließ sie ziehen. Kahverengi heißt braun auf türkisch und marone auf italienisch. In der letzten Stunde hatte ich überhaupt keine Lust mehr, wir alberten ein bisschen herum, verglichen die Hausaufgaben, und weil auf dem Arbeitsblatt noch zwei weitere Aufgaben drauf waren, dachte ich, kann es ja nicht schaden, wenn wir die auch noch schnell machten. Dann sollten alle den Einleitungssatz für einen Bericht schreiben. Ein Satz, vier Informationen: wer, wann, wo was. Wir verglichen das und stellten fest, dass sich die Sätze am besten anhörten, die mit wann oder wo begannen. Da meldete sich doch glatt mein Sohn und ich nahm ihn dran und  er wollte am Unterricht teilnehmen und auch einen Satz sagen. Und da fühlte ich mich an mein allererstes Praktikum zurückerinnert, bei dem ich hinten in der letzten Reihe saß und es mir als semijunger Student plötzlich so ging und ich mich am liebsten auch gemeldet hätte, um etwas beizutragen.

Ferien

Habe mir viel vorgenommen für die Ferien und wollte den Post nicht mit „ich“ beginnen, deshalb sparte ich mir das Pronom. Den fünften Tag in Folge trank ich zu viel und schob es auf die schreckliche Schulzeit, von der ich mich erholen müsste; Grundschule, Brennpunkt. Wenn ich nur die Worte Grundschule und Brennpunkt schon lese, dann wird mir schlecht ob der ganzen Misere, in der wir stecken.

Habe einen Deutsch-Förderkurs. Sechs Schülerinnen und Schüler durfte ich auswählen von 20, die die Förderung brauchen. Eine läuft super, macht, was sie soll, ist interessiert und dankbar. Habe vier Mitläufer, die gar nichts verstehen und einen, der quer schießt, den ich ausgewählt habe, weil ich eben nicht nur die Schwachen, sondern alle fördern möchte. Keinem/r werde ich gerecht oder kann etwas ändern. Freitag, sechste Stunde: Quatsch mit spraakvansmaak.

Holzsuppe

Ich nenne so etwas ab jetzt Holzsuppe, weil es, obwohl so dünn, trotzdem schlecht verdaulich ist. Zuerst eine kleine Bildbeschreibung, weil ich kein Bild aus einem Schulbuch in mein Blog stellen will:

Ein Junge rennt auf einer staubigen Aschebahn vermutlich um die Wette. Vermutlich, weil eine weitere Person daneben nur als Schatten auf der Bahn zu erkennen ist. Der Junge selbst trägt ein weißes Basecap, ein weißes kurzärmliges T-Shirt, eine schwarze knielange Hose, schwarze Socken und weiße Turnschuhe. Er hat die Hände zu Fäusten geballt und läuft mit angewinkelten Armen, der Beinstellung entgegen positioniert, auf die Kamera zu. Im Hintergrund sind unscharf weitere Kinder/Menschen zu erahnen, erkennen kann ich sie nicht. Es ist ein sonniger Tag (Schatten) im Mai?

Das Foto befindet sich im Deutschbuch, Differenzierende Ausgabe, der Jahrgangsstufe 6 auf der Seite 52. Der Verlag ist Cornelsen. Die Überschrift auf der Seite lautet: „3.2 Sport für einen guten Zweck – Einen Zeitungsbericht untersuchen und schreiben“. Das Foto selbst gehört zu einem Zeitungsartikel, die Zugehörigkeit ergibt sich m.E. aus der Rahmung in einer einheitlichen Farbe um Text und Bild. 2/3 der Buchseite ist damit ausgefüllt.

Der Text ist betitelt mit einer eigenen Überschrift: „Schüler liefen für guten Zweck“. Dann beginnt der Text mit folgenden Worten: „Twist, 22.11.2011 (Fettdruck). Im Rahmen der 225-Jahr-Feier der Gemeinde Twist veranstaltete…“

Haben Sie mein Problem schon erkannt?

Mich stört so etwas ungemein. Hier geht nicht nur dem Schulbuch die Glaubwürdigkeit verlustig, sondern auch allen anderen Personen, die damit involviert sein könnten, schließlich steht im Autoren- und Quellenverzeichnis, dass es sich bei dem Zeitungsartikel um eine Meldung aus der NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung) handelt. Vielleicht haben die ja diesen Bockmist geschssen (denken Sie sich einen Vokal Ihrer Wahl). Von mir gar nicht zu reden.

Wir waren noch bei der Überschrift, da sind bereits die ersten Arme oben: „Wieso ist denn der Junge nur im T-Shirt draußen? Da steht doch November?“

Ein Gedicht

Hin und wieder reizt es mich. Heute hatte ich einer Klasse einen Klassetext über die Verhunzung eines Morgensterngedichts gegeben. Wir sind natürlich jede der einzeln beschriebenen Aufgaben durchgegangen und konnten uns am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verfasser des Textes diesen ironisch gemeint haben müssen. Ein schönes Ergebnis für die erste der Doppelstunde, wie ich finde.

Aber es kam noch besser: Als wir damit fertig waren, überlegte ich laut, was denn stattdessen eine interessante Aufgabe sei, die ein Pädagoge hier stellen könnte, und nach nicht allzu langem Hin und Her kam recht schnell dabei heraus, dass die lieben Kleinen gern selbst ein Gedicht verfassen wollen; im Sinne der Vorlage natürlich, also eigene erfundene Wörter, die sich reimen. Meine Bedingung war – denn ich machte mir Sorgen um das Stundenziel – ein Kreuzreim, so wie er im Gruselett von Morgenstern – denn um dieses Kleinod deutscher Dichtkunst ging es – vorhanden ist.

Gesagt getan. Ich hatte viel Spaß, denn ich habe auch gedichtet. Aus Datenschutzgründen gibt es hier nur mein Gedicht, aber die Gedichte der lieben Kleinen waren auch sehr nett.

Schmuselett

Der Hinterfieger gurrelt

durchs Quatepetlgör,

die brummse Quassel surrelt

ihm leise in sein Höhr.