original vs. originell

Information: Ein weißes Blatt Papier, eingeschweißt in Folie, auf dem ein Foto abgedruckt ist, welches die Wand zeigt, auf der das Blatt angebracht ist. Ein grüner Marker gibt die Anweisungen. Das gleiche wiederholt sich auf dem Foto, worauf ein nicht eingeschweißter Zettel zu sehen ist, der scheinbar vor dem jetzigen Blatt dort angebracht war. Auch darauf wurde mit grünem Marker geschrieben. Ein paar Kugelschreibernotizen auf dem Zettel auf dem Foto auf dem eingeschweißten Blatt.

Zitat:

Auch kein Obst bitte!

Kein Papier!

nur Ebooks                             Klawitter

Es nennt sich „Wasser“!

Oder andere sperrige Gegenstände

 

Kommentar: An diesem hervorragend komponierten Hinweis, dass bitte nichts in das Urinal geworfen werden sollte, was größer und fester als ein Stück Toast ist, könnte man sehr gut den Unterschied zwischen original und originell klären. Die Suffixe –al und –ell treten mitunter in gegenseitiger Konkurrenz an dem gleichen Wortstamm auf; manchmal durchaus mit Bedeutungsverschiebung, häufig aber auch ohne. Bei original und originell tut sich selbst der Duden schwer, eine Bedeutungsverschiebung deutlich zu machen, vor allem weil unsere Sprache in dieser Beziehung scheinbar noch nicht nuanciert genug gebaut ist. In diesem Fall kann der versierte Verwender im Regelfall auf ein Beispiel zurückgreifen. Das macht er hiermit:

Der Zettel auf dem Foto, auf dem ein Foto abgebildet ist, auf dem man einen Zettel sieht, der die Botschaft: „Kein Papier“ enthält, ist original. Die Idee, den originalen Zettel so „einzukleiden“ ist originell.

Bei Strafe

strafe

 

Information: Ein gelbes Schild, vermutlich aus Blech, darauf in schwarzem Dünnrahmen ebenso schwarze Druckschrift bekräftigt durch ein Ausrufezeichen in rot, wiederum vermutlich ein besonders breiter Marker, angeschraubt an eine schmucklose Betonwand.

 

Zitat:                     In diesem Raum ist das

Rauchen bei Strafe und

fristloser Entlassung

verboten !

 

Kommentar: Dies Foto ist uns zugesandt worden. Wir kennen weder den Ort, an dem es zu lesen ist, noch den Arbeitgeber, der hier mit Entlassung und Strafe droht. Über das Ausrufezeichen braucht hier nicht geredet zu werden. Es wäre für solche Art von Schildern redundant. Im Gegenteil sogar verliert es durch das Ausrufezeichen an Nachdruck, wirkt fast komisch, so als würde ein Ausrufezeichen auf dem Stoppschild dafür sorgen, dass die Leute plötzlich anhalten und nicht weiterfahren, wenn die Straße frei ist. Jetzt haben wir doch darüber geredet.

Interessant an dem Schild ist aber nicht das Ausrufezeichen, sondern der Appell an sich. Es handelt sich offensichtlich um ein Rauchverbot, das hier (in diesem Raum) durchgesetzt werden will. Gedroht wird mit Strafe, eine nicht unübliche Taktik, und mit fristloser Entlassung, die offensichtlich nicht schon Strafe genug wäre, für den Fall der Missachtung des Verbots. Dass Raucher dort gern arbeiten, kann in Zweifel gezogen werden, vielleicht arbeiten sogar Nichtraucher nicht gern dort. Oder wie erklärt sich sonst, dieses absolut lächerliche Ausrufezeichen? Das hat doch niemand auf dem Schild vergessen! Das gehört da nicht hin! Und dann kommt da jemand und will dem Schild mehr Nachdruck verleihen, noch dazu nach einem so schönen Satz, denn wann zuletzt hörten wir den Ausdruck „bei Strafe“ – nirgends kann eine Präposition sinnvoller eingesetzt werden als an dieser Stelle! Das kann kein Kiezdeutsch wegreduzieren! – und verschandelt nicht nur die Wirkung des Satzes, sondern das gesamte Schild! Das hat doch jemand mit Absicht so durch den Kakao gezogen!

Die Farbe dieses witzgewordenen Satzbeenders ist nicht dem offensichtlichen Mangel an Alternativen geschuldet, wir sind uns sicher, es hätte sich auch ein schwarzer Stift gefunden, nein, das hat Methode! Da setzen wir mal den Rotstift an, kennt ja jeder diesen Satz. Was passiert dann? Es wird gestrichen! Hier wird ein Satz gestrichen in seiner ganzen Aussagekraft durch ein handschriftlich ergänztes Ausrufezeichen! Hier brauchen wir gar nicht weiterreden, die Interpunktion hat alles kaputt gemacht. Wir würden dort nicht einmal arbeiten wollen, wenn es unter Strafe stünde, dort nicht zu arbeiten! Banausen!

 

Fundsachen (2)

Hier, mal etwas Originelles! Oder: Hier mal etwas Originelles. Genauer beim Tano. Der hats gefunden und fotografiert. Finde ich wirklich gut gelungen: roter Kreis und roter Querbalken, darunter ein Baum und eine Säge. Vielleicht funktioniert das auch im Regenwald, vielleicht sogar mit Text.

Nachhilfe

Nachhilfe

 

Information: Schwarze Computerschrift auf einem weißen Zettel. Zwei Schriftgrößen. Zettel hängt angepinnt an einer Pinnwand.

 

Zitat:                  Betreff: Nachhilfe

                               Sehr geehrte Damen und Herren,

                               Ich suche eine Nachhilfe ab sofort für meine beiden Kinder 15

                               und 17 Jahre alt.

                               Die Nachhilfe soll einmal die Woche stattfinden, bei

                               Klassenarbeiten ggf. auch zweimal.

                                Bei Interesse bitte unter … anrufen

                               Mit freundlichen Grüßen

                               Unterschrift

 

 

Kommentar: An einer Pinnwand befinden sich erfahrungsgemäß eine Handvoll Zettel, die das ein oder andere ankündigen oder anbieten. Bei diesem Exemplar handelt es sich um ein eher verstecktes Angebot. Inseriert wird nämlich eine Suche. Da sucht jemand etwas. Hinter dieser Suche steckt jedoch ein durch Bedarf abgedecktes Bedürfnis. Die Nachhilfe, die hier gesucht wird, soll, so hoffen wir inständig, nicht umsonst arbeiten. Das Bedürfnis den Kindern helfen zu lassen, ist demnach ein Angebot für jemanden, der sich auskennt und sein Wissen gern an andere weitergibt, gegen Geld versteht sich.

Nun ist es aber so, dass dieses hier versteckte Angebot äußerst gut versteckt ist. Es ist dem Text, der Suche oder dem Angebot nicht zu entnehmen, um welche Art Nachhilfe es sich handelt. Die Vermutung, dass es sich um im schulischen Kontext abzuspielende Nachhilfe handelt, legt das Alter der Kinder nahe. Doch um welches Fach es sich denn dreht, geht aus dem Text nicht hervor. Das ist doppelt schade. Wir können daraus nämlich drei Schlüsse ziehen, die allesamt wenig schmeichelhaft sind. Der erste, leider sehr naheliegende Schluss, ist das Geschlecht des Auftraggebers. Es handelt sich dabei um eine männliche Person, den Vater. Das können wir nicht anhand der hier unkenntlich gemachten Unterschrift oder Telefonnummer ermitteln, sondern aus der Tatsache, dass die wesentliche Information fehlt. So etwas, so leid es mir tut, ist Männersache.

Der zweite Schluss, der sich aus dem ersten ergeben könnte und deshalb doppelt schade ist, ist, dass durch das Fehlen der wesentlichen Information der Eindruck entstehen könnte, dem Vater sei die Nachhilfe seiner Kinder nicht so wichtig. Spätestens am Telefon könnte der Vater den oder die Anruferin vom Gegenteil überzeugen.

Der dritte Schluss, der ebenfalls mit der wesentlichen und leider fehlenden Information zusammenhängt, legt nahe, dass es den Kindern in allen Fächern an nötigem Wissen mangelt und tatsächlich für jedes Fach eine Nachhilfe benötigt wird. Auch keine schöne Vorstellung.

Hoffen wir, dass dem besorgten Vater geholfen wird, wie auch immer sich das Problem gestalten mag.

Aufräumarbeiten

Aufräumarbeiten

 

Information: Ein weißer Zettel klebt von innen an der Eingangstür. Schwarzer Ausdruck auf weißem Papier, keine Interpunktion bis auf eine Umklammerung von „Fluchtwege“.

 

Zitat:                     Wegen

                Aufräumarbeiten

                (Fluchtwege) Ladengeschäft

                nur eingeschränkt geöffnet

 

Kommentar: Wer an den Ort hinter dieser Tür kommt, sucht wahrscheinlich ein Buch. Die Bücher stehen hier drinnen in Regalen und auf dem Boden in riesigen, sorgfältig nach den Gesetzen der Schwerkraft austarierten Büchertürmen. Hier wird täglich um- und aufgeräumt, Stapel werden verschoben, gelüftet oder aufgelöst und neu arrangiert. Das ist in einem Antiquariat nicht unüblich. Auch dass ein solcher Ort in der Not verlassen werden muss, steht außer Frage, wie das normalerweise für jeden anderen Ort auch gilt.

Wer nun dieses Geschäft betritt, verlässt, durch diesen dezenten Hinweis an der Eingangstür angekündigt, automatisch die Komfortzone, die sich ein jeder gerne einrichtet, der sich auf alles gefasst machen möchte, denn der Fluchtweg ist hier nur sehr begrenzt zu benutzen. Überhaupt sind alle Wege nur sehr begrenzt zu benutzen. Oder wie es der Verfasser schrieb: eingeschränkt.

Der Hinweis ist ausreichend und eindeutig für jeden Besucher. Auf Baustellen gibt es Schilder, die warnen vor dem Betreten derselben, dass dies auf eigene Gefahr hin geschehe. Bei unbefestigten Wegen in Parkanlagen und Grünflächen erfolgt der gleiche Hinweis. Vielleicht könnte in dieser Hinsicht noch einmal nachjustiert werden, falls sich das Ordnungsamt mit dem bisherigen Hinweis nicht einverstanden erklärt.

Wie aus gut unterrichteter Quelle bekannt, sind dem Eigentümer des Geschäfts tatsächlich städtische Ordnungshüter auf den Fersen wegen eben jener nicht uneingeschränkt nutzbaren Fluchtwege. Es bleibt abzuwarten, welche Maßnahmen dem Eigentümer abverlangt werden. Bis dahin gilt: Sollten Sie sich auf der Flucht befinden, kommen Sie hier besser nicht rein!

Aufräumarbeiten_2

Unprätentiös

Tür zu

 

Information: Ein weißer Zettel, von hinten auf eine Tür geklebt. Es ist ein roter Stift verwendet worden. Der Hinweis auf dem Zettel ist zweisprachig, oben deutsch, darunter türkisch.

 

Zitat:    oben:                   „Dieser Tür ist zu“

                unten:                  „Bu Kapi Kapalidir“

 

Kommentar: Ein sehr schönes Beispiel für einen absolut unprätentiösen Hinweis. Hier wird nicht gedroht, hier wird nicht befohlen, hier wird nicht einmal gebeten. Es ist lediglich vermerkt, dass diese Tür zu ist. Von dem grammatischen Fehler abgesehen, handelt es sich hier um eine Aussage, die nur in ihrer gesamten pragmatischen Tragweise erfasst, wirklich Sinn ergibt. Man denke an die interessante Situation zwischen Mann und Frau: Der Mann liest Zeitung, die Frau schaut Fernsehen. Plötzlich sagt die Frau: „Es zieht“. Sie spricht natürlich von dem unangenehmen Luftzug, meint aber das geöffnete Fenster. Der Mann steht nun auf und schließt das Fenster, weil er weiß, was seine Frau meint.

Bei diesem Schild weiß auch jeder sofort, was gemeint ist, nämlich, dass wir doch bitte, um in das Geschäft zu kommen, die andere Tür benutzen sollen. Das steht da aber nicht und das ist gut.

Wäre der Bildaufnehmer, von Fotograf zu sprechen wäre wirklich zu viel des Guten, in der Lage gewesen, ein besseres Bild zu produzieren, dann hätte man sehen können, dass hinter der Tür ein Regal steht, so dass die Tür selbst unverschlossen nicht geöffnet werden kann, ohne die Inneneinrichtung zu demolieren. Ein weiterer Vorteil dieses Aussagesatzes, denn ohne eine darin enthaltene Aufforderung fühlt sich niemand beleidigt, weil eine so offensichtliche Tatsache wie die von innen verstellte Tür auch noch mit einer Aufforderung belegt wird, diese Tür nicht zu benutzen. Es wird nämlich niemand angesprochen.