Geschmacksverstärker

betrachtet-steffenInformation: Ein Milchkarton, Tetra Pak. In der rechten unteren Ecke prangt eine Werbung der Firma Lidl, nach der Lidl offizieller Lebensmittel-Partner des Deutschen Handballbundes sei, kurz DHB. Darüber drei Handballer, die zwei äußeren mit einem Ball, der in der Mitte reckt die Faust in Höhe des Kinns. Über den drei Handballern ist ein Herz in Deutschlandfarben angebracht und daneben steht noch der Hinweis „Serviervorschlag“, der allerdings weniger mit dem Beschriebenen zu tun hat, sondern sich vielmehr auf das große Produktfoto in der Mitte der Verpackung bezieht.

 

Zitat:                           Ess! Lebe!

Handball!

Lidl

 

 Kommentar: Wir haben es hier nur mit einem der größten Lebensmitteleinzelhändler Deutschlands zu tun, dessen Strategie vor allem darin besteht, Markenprodukte zu kopieren und diese mit Salz, Zucker und anderen Geschmacksverstärkern dermaßen zu überfrachten, dass das eigentliche Original dagegen fade schmeckt. Dem Unternehmen ist dies hier leider nicht gelungen. Die Überfrachtung ist durchaus gelungen, dem möchte ich nicht widersprechen, nur ist das Original deshalb nicht fade. Aber widmen wir uns doch einmal den einzelnen Bestandteilen:

Ess! Ein falscher Imperativ nebst Ausrufezeichen oder eben doch ein Personalpronomen mit unzulässiger Verlängerung? Wer kann das schon wissen, aber schmecken tut es in keinem der beiden Fälle.

Lebe! Für sich allein stehend schon wieder ein Imperativ, auch hier wieder mit Unterstützung durch ein angehängtes Ausrufezeichen. Im Zusammenhang mit dem unzulässig verlängerten Personalpronomen wird daraus „es lebe…“

Handball! Für sich gesehen die unstrittigste Aussage an dem ganzen Text. Sowohl im Zusammenhang gelesen: „Es lebe Handball“ als auch einzeln „Handball!“ kann man das so machen. Hier ist nicht einmal der imperative, mittlerweile durchgenudelte, inflationöse Baseballschläger, den man zur Bekräftigung eigener Argumente immer im Kofferraum seines Autos haben sollte, nebst dem darunter angeordneten Ball (na klar, auch hier rede ich natürlich nur von dem Ausrufezeichen) an falscher Stelle.

Und jetzt noch ein kurzer Blick zum Original: „Wir. Dienen. Deutschland.“ Eine Kampagne der Bundesrepublik und ein guter Beweis dafür, dass wirklich fast alles vom Etat der Bundeswehr in Beraterfirmen geflossen ist, hier allerdings in eine, die etwas von ihrer Arbeit versteht und zu dieser wirklich gelungenen Werbekampagne geraten hat. Man und auch frau kann zur Bundeswehr stehen, wie sie oder er will. Mit Bewunderung für die klare Sprache, der nötigen Zurückhaltung (denn es sind nur Punkte, keine Ausrufezeichen) und den sowohl einzeln als auch zusammenhängend verständlichen vier! Botschaften kann der Verfasser an dieser Stelle nur den Hut ziehen, und Chapeau! ausrufen.

Und Lidl? Lesen Sie noch einmal den ersten Absatz, falls Ihnen das entgangen sein sollte.

Vom Täter, der Ableitung und dem Nomen agentis

wort-für-wort-steffen03                                                                               Wussten Sie, dass laut Kluge – Etymologisches Wörterbuch die Täterbezeichnung zur Statistik Statistiker lautet? Nein? Ich auch nicht. Wieder was gelernt. Die Täterbezeichnung von Tat ist jetzt wohl kein Geheimnis mehr, denke ich. Und die von Start? Ha! Es gibt keine. Der Starter ist nur Nomen agentis. Und was sagt der Duden dazu? Der sagt nur Ableitung. Wie fade!

Holzsuppe

Ich nenne so etwas ab jetzt Holzsuppe, weil es, obwohl so dünn, trotzdem schlecht verdaulich ist. Zuerst eine kleine Bildbeschreibung, weil ich kein Bild aus einem Schulbuch in mein Blog stellen will:

Ein Junge rennt auf einer staubigen Aschebahn vermutlich um die Wette. Vermutlich, weil eine weitere Person daneben nur als Schatten auf der Bahn zu erkennen ist. Der Junge selbst trägt ein weißes Basecap, ein weißes kurzärmliges T-Shirt, eine schwarze knielange Hose, schwarze Socken und weiße Turnschuhe. Er hat die Hände zu Fäusten geballt und läuft mit angewinkelten Armen, der Beinstellung entgegen positioniert, auf die Kamera zu. Im Hintergrund sind unscharf weitere Kinder/Menschen zu erahnen, erkennen kann ich sie nicht. Es ist ein sonniger Tag (Schatten) im Mai?

Das Foto befindet sich im Deutschbuch, Differenzierende Ausgabe, der Jahrgangsstufe 6 auf der Seite 52. Der Verlag ist Cornelsen. Die Überschrift auf der Seite lautet: „3.2 Sport für einen guten Zweck – Einen Zeitungsbericht untersuchen und schreiben“. Das Foto selbst gehört zu einem Zeitungsartikel, die Zugehörigkeit ergibt sich m.E. aus der Rahmung in einer einheitlichen Farbe um Text und Bild. 2/3 der Buchseite ist damit ausgefüllt.

Der Text ist betitelt mit einer eigenen Überschrift: „Schüler liefen für guten Zweck“. Dann beginnt der Text mit folgenden Worten: „Twist, 22.11.2011 (Fettdruck). Im Rahmen der 225-Jahr-Feier der Gemeinde Twist veranstaltete…“

Haben Sie mein Problem schon erkannt?

Mich stört so etwas ungemein. Hier geht nicht nur dem Schulbuch die Glaubwürdigkeit verlustig, sondern auch allen anderen Personen, die damit involviert sein könnten, schließlich steht im Autoren- und Quellenverzeichnis, dass es sich bei dem Zeitungsartikel um eine Meldung aus der NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung) handelt. Vielleicht haben die ja diesen Bockmist geschssen (denken Sie sich einen Vokal Ihrer Wahl). Von mir gar nicht zu reden.

Wir waren noch bei der Überschrift, da sind bereits die ersten Arme oben: „Wieso ist denn der Junge nur im T-Shirt draußen? Da steht doch November?“

baufräumen

wort-für-wort-steffen03Die heutige Wortvorstellung in der Rubrik „Wort für Wort“ beschäftigt sich mit einem sogenannten Kofferwort, auch Port(e)manteauwort genannt. Ein Kofferwort besteht aus mindestens zwei Wörtern, die sich auf morphologischer Ebene überlappen. Den Prozess der Entstehung eines solches Wortes nennt die Sprachwissenschaft Kontamination. Soweit so Sprachwissenschaft.

Verlassen wir doch einmal den sprachwissenschaftlichen Aspekt der Bildung und führen den Laien lieber in die lustige Welt der dabei entstehenden Wörter ein. Ein Musterbeispiel bieten hierbei allerdings nicht die ohne Zweifel herrlich schrägen Sprüche „You go me animally on my nerves“ oder  „My dear mister singing club“ und deren Übersetzung, sondern vielmehr der Begriff unter dem sich diese Form der englisch-deutschen Sprachverhunzung zusammenfassen lässt: nämlich unter dem Begriff Denglisch (ein Kofferwort aus Deutsch und Englisch).

Den englischen, bzw. mittlerweile auch im Französischen und Deutschen geläufigen Begriff des Port(e)manteau hat übrigens seinerzeit Lewis Carroll geprägt. Humpty Dumpty erklärt Alice in dem Buch „Alice hinter den Spiegeln“ das Gedicht des Jabberwocky, indem er angibt, dass in jedem der unbekannten Worte zwei Bedeutungen stecken: sie seien wie Koffer. Leider ist das in der Übersetzung des Gedichts – davon gibt es mehr als 15 bedeutende allein in die deutsche Sprache – nicht immer konsequent umgesetzt worden.

„Gardaustig war’s und glasse Wieben“

lautet zum Beispiel die erste Zeile der berühmten Übersetzung von Christian Enzensberger, und da stellt uns bereits das erste Wort vor eine schwierige Aufgabe. Für „glasse“ einen Koffer aus glatt und blass zu entwickeln ist simpel, „Wieben“ bietet sogar vielfältigste Möglichkeiten, aber „gardaustig“?

Gut, wir sind darin ja nicht sonderlich geübt und tatsächlich haben wir in bisher allen genannten Beispielen und Experimenten lediglich eine von vier (andere sprechen noch von weitaus mehr) möglichen Wortbildungen durch Kontamination ausgeschöpft. Das bisher hier vorgestellte Verfahren bedient sich der Haplogie, die fälschlicherweise noch immer unter dem Begriff der Haplologie firmiert. Dabei geht es um die sinnvolle Verkürzung von mehreren gleichlautenden Silben oder Phonemen zu nur noch einer. Noch ein simples Beispiel zur Verdeutlichung: Wir sagen der Zauber und der, der es ausführt ist der Zauberer; wir sagen aber nicht die Zaubererin, sondern Zauberin. Häufig geschieht das zur Vereinfachung der Aussprache. Warum nun ausgerechnet die Haplogie weiterhin unter diesem Phänomen zu leiden hat, ist wohl ein Treppenwitz der Sprachwissenschaft.

Wie dem auch sei. Kommen wir zum Kern unserer Betrachtungen: dem Kofferwort baufräumen. Dieses setzt sich zusammen aus den Wörtern bauen und aufräumen. Wenn sie jemals in den Genuss kommen Kinder zu haben oder womöglich schon losgeworden sind, weil sie jetzt eigene Wege gehen, kennen sie das vielleicht: die herumliegenden Bausteine im Kinderzimmer, auf denen man sich so herrlich die unbeschuhten Füße wehtun kann. Zum Aufräumen werden Sie die lieben Kleinen vielleicht nicht bewegen, aber vielleicht wäre es einen Versuch wert, sie zum baufräumen zu bewegen, indem Sie sie vor die Aufgabe stellen, alle herumliegenden Steine für ein Bauwerk zu nutzen. Kein zusätzlicher Stein darf aus den Kisten genommen werden, es zählt allein die Schönheit des Bauwerks. Probieren Sie es doch einmal aus.

Freitagstextersiegerehrung

freitagstexter

Tja, der Freitagstexter ist halt auch nicht mehr, was er einmal war. Früher gab’s mehr Lametta, jetzt sind wir mit drei Beiträgen auch schon zufrieden. Immerhin. Letztes Jahr musste ich den Freitagstexter um eine Woche verlängern, weil es gar keinen Kommentar gab. Da ist das ja schon ein Fortschritt.

 

Also, packen wir’s an: Einen hervorragenden dritten Platz belegt Lakritze, die sich bemüßigt befand, mehr als die üblichen drei Worte zu schreiben. Zweiter wurde das hoffnungslose Pony vom boomerang.

Pokal nebst lila Pony gibt es diesmal für die werte Frau La Mamma, die mit zwei Worten und einer nebulösen Assoziation das Herz des Jurors erweichte. Herzlichen Glückwunsch!

Dort geht also am Freitag weiter.

Freitagstexter sonntags

Mir wurde von der Kollegin(Kollege?) aundo der Freitagstexterpokal zugeschanzt. Vielen Dank für diese Ehre, wo doch mein Blog irgendwie nicht so richtig ins neue Jahr überwechselt. Jedenfalls hielt es bis eben noch seinen WinterDornröschenschlaf.

Der ist jetzt vorbei. Ich präsentiere den neuen Freitagstexter, sonntags!

Alles, was Ihnen zu diesem Bild einfällt, dürfen Sie verwenden und in Kommentaren verewigen. Den/die Sieger/in küre ich am Mittwoch pünktlich trotz der zwei Tage Verspätung. Regeln gibt es für alle Fälle noch einmal hier.

Nun das Foto noch:

Fundstücke (8)

abgeschaut2-steffenDer Pestarzt hat in seinem aktuellen Beitrag ein wirklich schönes Plakat abgebildet. Darauf steht: „Hört auf zu Hupen hier wohnen Menschen keine Autos“.

„Die Pupsgesichter aus meinem Superoberklassenvollhonkbezirk haben die Wisbyer Straße voll mit Schildern zugekackt, auf denen sie die Autofahrer mit ihrem nöligen Aktivistenduktus dazu bringen wollen, nicht mehr zu hupen. Haha. Hahahah. In Berlin! Nicht mehr hupen! Stille möchten sie anordnen. Wie sie es kennen aus Erkenschwick. Tuttlingen. Bad Bevensen. Was jetzt passiert ist klar, oder? Ich fahre da wöchentlich locker vier-, fünf- oder gerne auch sechsmal lang. Und die Leute hupen. Manchmal einen Rhythmus. Gerne diesen Fußballgröhlertakt. Möp-Mö-Möp-Möp—Möp-Möp-Union! Jedes Mal, wenn ich momentan da vorbei fahre, hupt einer. Manchmal ganze Melodien. Einmal ein Laster mit seinem Nebelhorn. Ach, mein Berlin. Wir mögen Hupen eigentlich auch nicht, aber noch weniger mögen wir schildermalende Zuziehende, die sich an Erziehung versuchen.“

Mit dem was er schreibt, bringt er es auf den Punkt, jeder kennt das. Da, wo Müll abladen verboten ist, dort wird der Müll abgeladen, da, wo keiner hupen soll, da wird extra gehupt.

Ein Gedicht

Hin und wieder reizt es mich. Heute hatte ich einer Klasse einen Klassetext über die Verhunzung eines Morgensterngedichts gegeben. Wir sind natürlich jede der einzeln beschriebenen Aufgaben durchgegangen und konnten uns am Ende des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verfasser des Textes diesen ironisch gemeint haben müssen. Ein schönes Ergebnis für die erste der Doppelstunde, wie ich finde.

Aber es kam noch besser: Als wir damit fertig waren, überlegte ich laut, was denn stattdessen eine interessante Aufgabe sei, die ein Pädagoge hier stellen könnte, und nach nicht allzu langem Hin und Her kam recht schnell dabei heraus, dass die lieben Kleinen gern selbst ein Gedicht verfassen wollen; im Sinne der Vorlage natürlich, also eigene erfundene Wörter, die sich reimen. Meine Bedingung war – denn ich machte mir Sorgen um das Stundenziel – ein Kreuzreim, so wie er im Gruselett von Morgenstern – denn um dieses Kleinod deutscher Dichtkunst ging es – vorhanden ist.

Gesagt getan. Ich hatte viel Spaß, denn ich habe auch gedichtet. Aus Datenschutzgründen gibt es hier nur mein Gedicht, aber die Gedichte der lieben Kleinen waren auch sehr nett.

Schmuselett

Der Hinterfieger gurrelt

durchs Quatepetlgör,

die brummse Quassel surrelt

ihm leise in sein Höhr.

Keinepost

betrachtet-steffenInformation: Ein hölzerner Briefkasten mit einem darauf geschraubten Plastikschild. In der Einlage des Schildes ein kleiner, weißer, schwarz bedruckter Zettel.

 

Zitat:

Keinepost

Keine Werbung!

keine-post.jpg
 

Kommentar: Versuchen Sie einmal „Keinepost Nachname“ zu googeln. Sie werden kurzerhand gefragt, ob Sie nicht besser „keine Post nachnahme“ meinten. Google hätte auch schreiben können, ob Sie nicht mehr ganz bei Trost sind, das hätte nichts geändert, denn diese Frage ist eine sogenannte rhetorische Frage, Sie können Sie gar nicht beantworten. Die Antworten liefern Ihnen die unpassenden Suchergebnisse.

Leider war deshalb nicht festzustellen, ob es sich bei dem Begriff „Keinepost“ um einen echten Nachnamen handelt. Festzustellen bleibt allerdings, dass das „Keine Werbung!“ genau das bedeutet, was es bedeutet, denn die Anordnung der Aufforderung entspricht den Anordnungen der Aufforderungen der links- wie rechtsseitig montierten Briefkästen. „Keine Werbung!“ ist demzufolge kein Doppelname oder womöglich sogar zwei Einzelpersonen. Naja, immerhin wohnt hier keine WG im Haus, deren Bewohner ein Faible für skurrile Nachnamen hat.

Doch was soll ein solcher Briefkasten nun bedeuten, dessen eigentlicher Zweck es ist, doch genau das zu tun, was ihm hier mittels Botschaft versagt bleibt, nämlich Post aufzunehmen? Nicht einmal Werbung ist erlaubt. Das ist ja schon fast so gemein, wie wenn man mit Nachnamen „Licht“ hieße und ständig die Leute im Dunkeln bei einem klingeln, weil sie denken, dann geht das Licht im Flur an – nur anders herum, irgendwie.

 

 

Der größere Absatz ist als Zeit gedacht, die die geneigte Leserin womöglich für den angefügten Nachsatz hinter dem Gedankenstrich benötigt. Ich habe dafür viel länger gebraucht, wollte jetzt aber auch niemanden mit tausenden von Leerzeilen nerven, was ungefähr genauso blöd wäre, wie der oben gezeigte Briefkasten. Aber eines noch zum Schluss: Ich habe ganz genau nachgesehen, der Briefkasten war leer.