Verjagt

Dies Schuljahr treibe ich mich an zwei Grundschulen gleichzeitig herum. Bis auf die Montage und Freitage heißt das, ich fahre während der Pausen von einer zur anderen Schule. Manchmal auch montags von einer zur anderen, weil natürlich der Konferenztag der einen Schule am Montag ist und ich diese Schule am Montag sonst nicht besuche. Die Grundschulen liegen nur 10 Minuten Fahrweg auseinander, erschwert und verlängert durch ein paar Vollsperrungen.

Die Schulen sind sich nicht so ähnlich. Während die eine ein eher städtisches Milieu anzieht und anstrengende Eltern hat, ist die andere sehr ländlich geprägt mit der entsprechend weniger besorgten Elternschaft. Das zeigt sich auch bei der Lektüre, die ich im Unterricht gerade lese. Beschwerden bezüglich der Brutalität der Texte gab es nur aus der städtischen Schule. Dabei lese ich doch nur „Der Zauberer der Smaragdenstadt“. Ich gebe zu, die Stelle, als der Menschenfresser geköpft wird, ist schon ein wenig brutal, aber erinnern möchte ich hier nur einmal kurz an die Grimmmärchen, bei denen Hexen in Öfen verbrannt werden, Wölfen die Bäuche aufgeschnitten werden und Frösche an der Wand zerschellen.

Ich habe auf die Mail der Elternvertreterin natürlich vorbildlich reagiert und angemerkt, dass ich solche Stellen in Zukunft vermeiden werde vorzulesen. Und just ein Kapitel weiter war es dann soweit. Eine Wildkatze wird enthauptet, was der Königin aller Feldmäuse das Leben rettet. Noch im Leseprozess begriffen, denn ich hatte mich gar nicht richtig vorbereitet, änderte ich den Text ab und ließ die Wildkatze nur verjagt werden, was zwar noch weitere spontane Textänderungen im Lesefluss evozierte, aber letztlich komplett gelang. Dumm nur, dass ich gerade an der falschen Schule war.

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6 Gedanken zu “Verjagt

  1. ernst gemeinte frage (die ich mir neuerdings immer wieder stelle): DÜRFEN eltern wirklich in die lehrinhalte eingreifen??? den zauberer der smaragdenstadt lasen meine freunde und ich im vermutlich gleichen alter mit großer begeisterung und ich erinnere(!) diese „grausamen“ stellen gar nicht einmal. sprich, sie haben mein weiterleben nicht wirklich beeinträchtigt. und, ja, grimms märchen waren grausamer. und auch die haben wir „überlebt“.

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    1. So einfach ist das nicht zu beantworten. Tatsächlich ist der Erziehungsauftrag geteilt und Lehrinhalte Sache der Länder. Wir mischen uns ja auch nur in die Erziehung der Eltern ein, wenn wir das Kindeswohl als gefährdet ansehen. Sehen Eltern wiederum das Kindeswohl durch Lehrinhalte bedroht, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Sexualkunde ist deshalb keine Wahlveranstaltung, Religionsunterricht dagegen schon. Bücher sind davon eher ausgenommen, aber Rücksicht muss ich als Lehrkraft natürlich trotzdem nehmen. Es hilft weder mir, den Kindern noch den Eltern, wenn diese der Lektüre ablehnend gegenüberstehen. Es geht ja ums Lesenlernen und vorrangig nicht um die Inhalte, und da ist mir der breite Konsens lieber als kinder, die nicht lesen.

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      1. fingerspitzengefühl, ja klar. und ich verstehe auch, dass man keine endlosen diskussionen mit eltern über z.b. urheberrechte etc. führen will.
        was ich mich aber frage: lesen diese eltern ALLES, was ihre kinder an büchern geschenkt bzw. vorgelesen bekommen (und wenn ja, wie lange wohl halten sie das durch?) bzw. berufen sie sich nur auf das, was ihnen die kinder berichten? kontrollieren die gleichen eltern auch jeglichen anderen medialen inhalt, den ihre kinder konsumieren (könnten)?
        und: wenn diese kinder, tatsächlich von der begeisterung am lesen erfasst (was wir alle hoffen, denn das ist der größte bildungsquell, den man sich denken kann) , die gleichen im unterricht abgewandelten bücher selbst lesen, werden sie den lehrer dann nicht als lügner wahrnehmen?
        ach, vergiss es, bleibt nur zu hoffen, dass diese überbesorgten eltern (derer ich einige kenne), nicht am ende erfahren, dass ihre kinder lebensuntüchtiger sind als die anderen und an der realität scheitern.

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  2. Kann man das nicht auch schon in der Altersstufe mit Erläuterungen vorab, währenddessen und danach verbinden? Also so in Richtung Gewalt als symbolische Handlung, künstlerisches Stilmittel und/oder Verweis auf zeitlichen Kontext? Ich finde es ja wichtig, dass bewusster mit Worten, Texten etc. umgegangen wird, aber statt Zensur sollte besser Aufklärung, Diskussion und Reflektion genutzt werden. Ich denke schon, dass Kinder sehr früh zu differenzierten Sichtweisen fähig sind.

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    1. Da waren sie wieder, meine drei Probleme…
      Es geht ums Lesenlernen, das ist eine elementare Kulturtechnik, die wir uns alle aneignen sollten, bei einer Stunde in der Woche ist das aber nicht drin. Der Titel ist so gewählt, weil das eines meiner Lieblingsbücher in diesem Alter war (2.Klasse) und weil es die Kinder zum Selbstlesen animieren soll, das ist getan. Alles andere muss ich hintanstellen.
      Ich würde mir das gerne wünschen, so wie vorgeschlagen, aber ich habe einen Auftrag, dafür rollen auch schon mal Köpfe;)

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